Aus Westend nach Washington : Kennedy und ich

Ein Berliner Aufsatzwettbewerb führte mich 1963 ins Weiße Haus. "Dufte hier", schrieb ich nach Hause. Zwei Tage später war John F. Kennedy tot.

Jakob Hessing
John F. Kennedy in Berlin.
John F. Kennedy in Berlin.Foto: dpa

Als Präsident Kennedy im Juni 1963 nach Berlin kam, ging ich in die 13a und stand ein knappes Jahr vor meinem Abitur am humanistischen Gymnasium in Westend, das damals noch Erich-Hoepner-Schule hieß. Nach seiner Rede vor dem Rathaus Schöneberg schrieb die „Berliner Morgenpost“ einen Aufsatzwettbewerb für die Schüler der Stadt aus. Sein Thema lautete „Was bedeutet für uns der Besuch des amerikanischen Präsidenten?“, und zu gewinnen war nicht nur eine Reise nach Amerika, sondern auch ein Besuch im Weißen Haus, bei John F. Kennedy höchstpersönlich. Was ich in meinen letzten Sommerferien sonst noch gemacht habe, weiß ich nicht mehr, die Arbeit an dem Aufsatz ließ alles andere vergessen, doch am Ende hat es sich gelohnt: Drei Schüler fuhren nach Amerika, und ich gehörte zu ihnen.

Seither sind 50 Jahre vergangen, und das erstaunt einen als Erstes, wenn man darüber nachzudenken beginnt. Als ich am Vormittag des 20. November 1963 aus dem Weißen Haus trat und eine Postkarte mit Kennedys Unterschrift in den Briefkasten warf – der Präsident hatte uns für eine Viertelstunde empfangen –, da war ich gerade 19 und konnte mir kaum die Zeit nach dem Abitur vorstellen. Das Jahr 2013 lag damals in weiter Ferne, und hole ich jetzt, im Rückblick, die Vergangenheit wieder herauf, so erscheint mir die seither verflossene Zeit fast sogar noch länger.

Unendlich viel hat sich seit dem Sommer 1963 verändert, und das begann gleich am Anfang unserer Reise. Zwei Tage zuvor, am 18. November, waren wir in New York gelandet, und Dr. Hans Steinitz hatte unsere kleine Gruppe abgeholt. Er war der Bürochef der Springerpresse in Amerika und hatte den Termin beim Präsidenten arrangiert, mit seinem Dienstwagen brachte er uns nach Washington, und im Weißen Haus war er mit dabei. Am Nachmittag des 20. November ging es dann weiter zu verschiedenen Schulen in der Nähe der Hauptstadt, in denen wir eingeladen waren, mit den Schülern Gespräche zu führen.

Kennedy in Berlin
50 Jahre ist es her, dass John F. Kennedy den historischen Satz "Ich bin ein Berliner" auf dem Balkon des Rathaus Schönebergs, dem damaligen Sitz des Regierenden Bürgermeisters, sprach.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Rolf Goetze/Stadtmuseum Berlin
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So kam der 22. November heran. Wir befanden uns jetzt auf der Rückfahrt nach New York, am Nachmittag sollten wir im Gebäude der Radio City Music Hall interviewt werden, und ich erinnere mich noch wie heute: Wir trafen in der Stadt ein, Hans Steinitz saß am Steuer, plötzlich beugte er sich vor, durch die Windschutzscheibe blickte er an den ungeheuren Häuserschluchten hinauf und sagte: „Warum sind die Fahnen alle auf halbmast?“ An der Music Hall stiegen wir aus, Steinitz ging uns in das Gebäude voraus, fragte nach dem Raum für das Interview, und die Leute starrten uns an: Es gebe kein Interview. Der Präsident sei tot.

In unserem Wagen hatte es kein Radio gegeben, von den Ereignissen in Dallas hatten wir nichts mitbekommen. Hals über Kopf setzte uns Steinitz im Hotel ab, und 48 Stunden lang haben wir ihn dann nicht mehr gesehen, als Berichterstatter musste er alles nachholen. Unsere Reise hatte eine schreckliche Wende genommen, die folgenden Tage sind mir nur noch dunkel in Erinnerung – wie wir das Beileidstelegramm an Jacqueline Kennedy verfassten, wie wir Bürgermeister Willy Brandt, der zur Beerdigung kam, am Flughafen erwarteten –, und während wir noch in Amerika waren, hatte mein Besuch beim Präsidenten ein Nachspiel des schwarzen Humors.

Die Postkarte, die ich aus Washington abgeschickt hatte, war an meine Schule in Berlin gerichtet. Eigentlich wollte ich Kennedy gar nicht um seine Unterschrift bitten, aber meine Klassenkameraden waren da anderer Meinung gewesen: Wenigstens ein Autogramm wollten sie sehen, damit auch sie etwas hatten von meiner Reise. So legte ich ihm die leere Rückseite einer Karte vor, die das Weiße Haus zeigte, und mit einem dicken Filzstift unterschrieb er „Best wishes, John F. Kennedy.“ Als ich nach meiner historischen Viertelstunde wieder auf dem Vorplatz des Weißen Hauses stand, nahm ich einen Kugelschreiber, schrieb über seine Worte „Dufte hier, alles weitere mündlich“ und warf die Karte ein.

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