Meinung : Ausdrücklich und unterschiedslos allen Opfern gewidmet

„Erweitertes Gedenken“ vom 28. Januar

Im Kommentar wird kritisiert, dass der Bundestag seine Gedenkveranstaltung am 27. Januar den Opfern der Leningrader Blockade gewidmet hat, und apodiktisch behauptet: „Der 27. Januar ist der Holocaust-Gedenktag“. Das trifft nicht zu. Als Bundespräsident Roman Herzog 1996 den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als offiziellen „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ proklamierte, galt die Widmung ausdrücklich und unterschiedslos allen Opfern der verbrecherischen Politik der Nationalsozialisten. In diesem alle unterschiedlichen Opfergruppen einschließenden Sinne wird der Gedenktag in Deutschland praktiziert, auch wenn die Vereinten Nationen 2005 den 27. Januar zum „Internationalen Holocaust-Gedenktag“ erklärt haben. Angesichts der Tatsache, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten inzwischen häufig auf die zweifellos singuläre Ermordung der europäischen Juden reduziert werden, ist es gut und richtig, dass wir uns in Deutschland auch der vielen anderen Menschen erinnern, die dem unvergleichlichen Vernichtungsterror der Nationalsozialisten, sei er politisch, rassistisch, medizinisch oder sozial motiviert, zum Opfer gefallen sind.

Dr. Horst Seferens, Pressesprecher

der Stiftung Brandenburgische

Gedenkstätten, Oranienburg

Der Tagesspiegel demonstriert eine Fehlwahrnehmung des Gedenktages, auch

an „das Leiden der Russen“ zu erinnern. 27 Millionen Tote aufseiten der Sowjetunion, aber erstmals in 18 Jahren wurde explizit dieser Opfer gedacht. Den ersten Vergasungen in Auschwitz fielen sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer, von denen in deutschem Gewahrsam über drei Millionen starben. Sie und die Leningrader Bürgerschaft waren Opfer der deutschen „Hungerpolitik“, wie es jetzt der Bundestagspräsident bezeichnete. Nach diesem von der Geschichtswissenschaft genannten „Backeplan“ wurde der Tod durch Nahrungsentzug von bis zu 30 Millionen Menschen zugunsten der Ernährung des deutschen Volkes einkalkuliert. Dem „Hungerplan“ stand entgegen, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung als Zwangsarbeiter für die Kriegswirtschaft gebraucht wurde. Auch diese „Ostarbeiter“ sind NS-Opfer. „Doch erweitertes Gedenken birgt in sich die Gefahr des verwässerten Gedenkens.“ Sieht der Tagesspiegel eine Verwässerungsgefahr beim Gedenken an jene, die während der 900-tägigen Hungerblockade in Leningrad starben? Oder verwässern wir was im Gedenken an Dorfbewohner im Osten, die man in ihren Behausungen zu Zigtausenden verbrannte? Wer den Kalten Krieg im Kopf überwunden hat, schämt sich als Westler der Ignoranz gegenüber NS-Opfern jenseits des Eisernen Vorhangs. Am diesjährigen 27. Januar wurde endlich unser Nationaler Gedenktag in seiner einst vom Bundespräsidenten Roman Herzog bestimmten Form voll bestätigt.

Eberhard Radczuweit,

Berlin-Friedenau

Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ – so die gesetzliche Bezeichnung. An diesem Tag soll in Deutschland allen Opfern des NS gedacht werden: „Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende sowie Männer und Frauen des Widerstandes, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Deserteure, Greise und Kinder an der Front, Zwangsarbeiter und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden.“ Dieser Würdigung aller Opfergruppen ging eine lange öffentliche Debatte voraus, auch gerade, um sie nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden zu lassen. Dass dies alljährlich am Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers in Auschwitz geschieht, sorgt für Verwirrung, denn landläufig wird dieser Tag bei uns fälschlich als „Holocaust-Gedenktag“ bezeichnet. Malte Lehming irrt daher, wenn er meint, dass Bundestag und Bundespräsident in diesem Jahr den Gedenkauftrag erweitert oder gar „verwässert“ hätten – ganz im Gegenteil, sie haben ihn ausgeführt.

Die Vereinten Nationen erklärten 2005 den 27. Januar zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Er ist seitdem weltweit ein Tag der Erinnerung an die Opfer des Völkermords an den europäischen Juden – und der Verurteilung jeglicher Intoleranz und Aufstachelung zu Hass und Gewalt aus religiösen und ethnischen Gründen. Das Gedenken an die Opfer des von Deutschen verübten beispiellosen Verbrechens bietet also auch Anlass daran zu erinnern, wie schnell Individuen und Gruppen zu „Anderen“ definiert, ausgegrenzt und entrechtet werden. Wir tun gut daran, uns dies nicht nur an diesem Gedenktag bewusst zu halten.

Dr. Andreas Eberhardt, Falkensee

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