Auslandseinsätze der Bundeswehr : Ehrlich wehrt sich

Die Bundeswehr beteiligt sich mit mehr als 7200 Soldaten an zehn Missionen auf drei Kontinenten. Doch wer glaubt, die Deutschen seien nur für den Brunnen- und Brückenbau zuständig, macht sich etwas vor. Es ist Krieg und die Wahrheit ist das erste Opfer eines jeden Krieges.

Michael Schmidt

Haben wir in Deutschland überhaupt eine Ahnung? Machen wir uns hierzulande eine Vorstellung von dem, was da noch auf uns zukommt? Barack Obama hat Afghanistan zu seinem Krieg erklärt – und er will ihn gewinnen. Und zwar mit Hilfe seiner Verbündeten. Wir müssen uns ehrlich machen, heißt es in diesen Tagen, da Deutschland drei in Afghanistan ums Leben gekommene Bundeswehrsoldaten betrauert, die USA mehr deutsches Engagement am Hindukusch fordern und die Sicherheitsbehörden vor einer erhöhten Anschlagsgefahr warnen. Sprechen wir also über die Wahrheit, das erste Opfer eines jeden Krieges.

Die Bundeswehr ist eine Armee im Einsatz. Sie beteiligt sich mit mehr als 7200 Soldaten an zehn Missionen auf drei Kontinenten und zwei Weltmeeren. Doch irgendwie bleibt im Ungefähren, was sie da macht. Beispiel Afghanistan. Laut Mandat heißt der Auftrag seit sieben Jahren unverändert: UN-Gebäude, Entwicklungshelfer und die Regierung in Kabul schützen. In der Praxis wurden Ziele, Einsatz und Einsatzgebiet ständig erweitert. Heute liefert sich die Bundeswehr täglich Gefechte mit Taliban. Es ist Krieg. Und es wird erst mal schlimmer werden, bevor es, wenn überhaupt, besser wird.

Die Regierung ist nur bedingt erklär- und debattierbereit, die Öffentlichkeit nur mäßig interessiert – ’s Vaterland liebt’s Ruhigsein. Doch wer nicht fragt, erhält keine Antwort. Es ist Krieg. Und wenn auch die Regierung begehrt, nicht schuld daran zu sein – sie ist es nicht –, so macht sich doch etwas vor, wer glaubt, andere seien für das Kämpfen, Schießen, Töten verantwortlich, und die Deutschen für den Brunnen- und Brückenbau. Es gibt nicht die gute Sicherheits- und Schutzmission hier und den bösen Krieg gegen den Terror dort. Deutschland trägt beides mit. Und ist insofern auch mitverantwortlich für zivile Opfer, wo immer es sie gibt.

Es ist Krieg. Und zur Wahrheit gehört, dass die Regierung das Wort neben manch anderem guten Grund auch deshalb vermeidet, weil es bedeutete, dass die Kanzlerin höchstpersönlich als Oberbefehlshaberin verantwortlich für Erfolg und Misserfolg der militärischen Mission wäre. Daran hat sie, so wie die Dinge am Hindukusch stehen, kein Interesse. Erst recht nicht in Zeiten des Wahlkampfs.

Wenn stimmt, was alle behaupten, dass Afghanistan militärisch nicht zu gewinnen ist, dann ist es ein Skandal, dass die internationale Gemeinschaft sich allein den Einsatz des US-Militärs täglich 100 Millionen Dollar kosten lässt – für den zivilen Wiederaufbau aber gerade einmal sieben Millionen pro Tag ausgibt; dass 1000 Hilfsorganisationen aus 50 Ländern unkoordiniert nebeneinanderher arbeiten und die Ausbildung von Polizisten hinter den ohnehin bescheidenen Versprechen zurückbleibt.

Gehen oder bleiben? Das Militär ist keine Lösung. Aber manchmal ist ohne Militär eine Lösung auch nicht möglich. Mag sein, dass Innenminister Schäuble in Deutschland Terroristen jagt, die sein Kollege Jung mit dem Einsatz in Afghanistan provoziert – fraglich aber ist, ob Stabilität und Sicherheit in Afghanistan sich durch einen Abzug quasi von selbst einstellten.

Die größte Zustimmung erhält der Einsatz bei den Anhängern der Grünen (43 Prozent). Vielleicht ist das so, weil diese Partei auf ihrem Weg vom Gesinnungspazifismus der Gründerjahre zur Verantwortungsethik von heute die Debatte schon geführt hat, die Politik und Öffentlichkeit noch vor sich haben.

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