Meinung : Außen New York, innen Quickborn

Berlin zieht an, wieder sind die Touristenzahlen gestiegen. Warum nur?

Malte Lehming

Die Ratten gehen aufs sinkende Schiff. Naja, ganz so einfach ist es nicht. Zwar ertrinkt die Hauptstadt in Problemen – Geld knapp, Arbeitslosigkeit hoch, viele Sozialhilfeempfänger, viele Straftaten mit Körperverletzung. Aber trotzdem zieht sie magisch an. Touristen aus dem In- und Ausland strömen nach Berlin. Fast drei Millionen Besucher waren es in den ersten sechs Monaten des Jahres. Das ist, im Vergleich zum Vorjahr, eine Steigerung um stolze 17,9 Prozent. Vertreter der Hotelbranche jubeln. Ohne seine Touristen wäre Berlin bankrott.

Am stärksten ist die Neugier in Europa gestiegen, gefolgt von Amerika und Asien. Woran liegt das? München etwa ist weitaus reicher, sicherer und pittoresker, es hat, auf die Einwohnerzahl bezogen, die meisten Golfplätze, Sportvereine und Zahnärzte in Deutschland. In Dresden lässt sich besser studieren, in Hamburg blüht der Handel. Doch die Ausstrahlung Berlins ist offenbar einzigartig. Die Stadt gilt als eine der spannendsten der Welt. Berlin ist cool, ein Muss. Überdies ist es, im Vergleich zu Tokio, Paris und London, billig hier. Gerade für junge Menschen ist das wichtig.

Vielleicht macht’s die Mischung: Schinkel neben Alt- und Plattenbau. Vom Prenzlauer Berg über den Gendarmenmarkt zum Holocaust-Mahnmal. Und: Reminiszenzen an Nazis und Kommunisten im Überfluss. Überhaupt: Wohin gehört Mitte heute? Noch zum Osten, schon zum Westen? Oder ist hier etwas ganz Neues entstanden? Jenes Berlin, das Zukunft ahnen lässt? Wer immer die Brüche der Stadt glatt schleifen und sie selbst schön machen will, sei jedenfalls gewarnt: Erstens klappt das nicht, zweitens nimmt es Berlin seinen Charme. Auch das spricht gegen den Abriss des Palasts der Republik. Welche andere Stadt hätte den Mut, solche Scheußlichkeiten stehen zu lassen?

Natürlich: Ans Mondäne gewöhnte Menschen müssen manchmal raus aus Berlin. Die Ballung aus verkehrsberuhigten Zonen, albernen Geschäftsnamen wie „Mäc Geiz“, Kreditkartenfeindschaft und anderen Piefigkeiten strengt auch an. Außen gern New York, innen oft Quickborn – immerhin funktioniert’s. Und die Touristen regen sich erst dann auf, wenn’s zu spät ist. Am Flughafen Tegel etwa die Einfahrt zur Mietwagenrückgabe zu finden, ist fast unmöglich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben