Aust-Nachfolge : Das Leidmedium

Die Chefsuche beim "Spiegel“ gerät zur Realsatire, doch es geht um mehr als ein Magazin. Das Gemeinwesen ist in Gefahr.

Robert Birnbaum

Er ist schon lange nicht mehr, was er war, das oft zitierte „Sturmgeschütz der Demokratie“. Aber er ist immer noch viel mehr und viel wichtiger, als Nostalgiker glauben und Hämische glauben machen wollen. Deshalb ist es nicht egal, wer künftig den „Spiegel“ führt. Es ist nicht egal, wie dieser Posten neu besetzt wird. Was da in Hamburg aber aufgeführt wird, taugt langsam nur noch zur Realsatire auf die Medienwelt.

Dabei haben die Nostalgiker ja sogar recht. Das Nachrichtenmagazin aus Hamburg ist nicht mehr das Leitmedium der Branche. Noch vor einem guten Jahrzehnt war das anders. Der „Spiegel“ hatte quasi ein Monopol auf Insider-Informationen aus dem Politikbetrieb, an dem nur ab und an die großen Schreiber der großen Zeitungen kratzten. Der gewöhnliche Bonner Korrespondent las am Montag im „Spiegel“, wer eine Woche vorher im CDU-Präsidium Widerworte gegen Helmut Kohl gegeben hatte, und er schrieb die Geschichte mehr oder weniger nach. „Spiegel“-Titel gaben der Debatte Thema und Richtung vor. Die großen Skandale der Republik hat lange nur er enthüllt. Das große Interview war seine Domäne.

Dass das Monopol zerbröselt ist, liegt nicht daran, dass der „Spiegel“ schlecht geworden wäre. Die anderen sind besser geworden, mehr – und schneller. Widerworte im CDU-Präsidium dringen heute per SMS fast in Echtzeit nach draußen; anderntags stehen sie in jeder besseren Zeitung. Interviews mit Spitzenpolitikern bringt irgendein Fernsehsender alle Stunde.

Der Spiegel als Opfer seiner eigenen Story

Trotzdem bleibt der „Spiegel“ wichtig – fast möchte man pathetisch sagen: für das Gemeinwesen. Das Sturmgeschütz beherrscht das Schlachtfeld nicht mehr allein. Aber an die Durchschlagskraft der alten Kanone reicht immer noch kaum einer heran. Und auf dem Schleichweg Internet ist der Online-Ableger längst neues Leitmedium der Branche mit großem Einfluss auf die Prioritäten der Berichterstattung aller anderen Medien.

Wer dieses Geschütz lenkt und leitet, ist eine Sache von Gewicht für die Öffentlichkeit der Republik. Dass sie deshalb öffentlich vonstatten gehen soll, ist allerdings ein Missverständnis. Es mag ja seine eigene Ironie haben, dass dem Magazin widerfährt, was es sonst mit anderen zu veranstalten pflegt. Die Geschichte dieser Chef- Suche ergäbe eine prima „Spiegel“-Titelstory voller Indiskretionen und mit jeder Menge Opfer, die beschädigt am Wegesrand bleiben. Nur droht das größte Opfer diesmal der „Spiegel“ selbst zu werden. Allein dass der ZDF-Mann Claus Kleber den Posten ablehnen kann, ohne allgemeines Kopfschütteln fürchten zu müssen!

Da bleibt nur eins: Beim „Spiegel“ müssen sie in der Not auf ihren alten Lieblingsfeind hören. Und sie müssen es schnell tun. Noch sind sie Gespött. Als nächstes käme Mitleid. Der gute Rat des Lieblingsfeindes? Der stammt von Helmut Kohl, leicht abgewandelt: Entscheidend ist, wer hinten rauskommt.

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