Meinung : Ausweitung der Friedenszone

Ulrike Scheffer

Nun soll es endlich losgehen, in Afghanistan. Die neue Regierung ist im Amt, eine Friedenstruppe sorgt für ihren Schutz und die internationale Gemeinschaft hat dem Land 4,5 Milliarden Dollar Startkapital versprochen. Das sind gute Voraussetzungen für den Wiederaufbau - wenn man von einem entscheidenden Detail absieht: Alles, was bisher in und für Afghanistan auf den Weg gebracht worden ist, gilt zunächst einmal für Kabul.

Nur dort hat die Regierung wirklich etwas zu sagen, wird ihre Politik durch ausländische Soldaten abgesichert. Außerhalb der Hauptstadt gibt es weder Kontrolle noch Sicherheit. Und damit in vielen Regionen zunächst wohl keinen Wiederaufbau. Zwar sind in der Übergangsregierung alle wichtigen ethnischen Gruppen vertreten, doch viele Kriegsherren haben sich nur widerwillig in die neue Ordnung gefügt. Schon werden aus der Provinz wieder Kämpfe rivalisierender Kommandeure gemeldet. Hilfsorganisationen berichten von Plünderungen ihrer Lebensmitteltransporte, willkürlich erhobenen Zöllen einzelner Kriegsherren, von einem Klima der Angst.

In der Kabuler Regierung, die zunächst gar keine ausländischen Truppen im Land haben wollte, werden Rufe nach einer Ausweitung des Mandats für die Schutztruppe lauter. In Europa will man davon verständlicherweise nichts wissen. Ohne die USA, die sich an der Truppe nicht beteiligen, wäre ein solcher Einsatz schwerlich zu stemmen, abgesehen davon, dass er immense Summen verschlingen würde und äußerst gefährlich wäre. Eine Schutztruppe für ganz Afghanistan gilt in Berliner Regierungskreisen schlicht als "unvorstellbar".

Nicht ganz unberechtigt verweist man hier auf die Verantwortung der Afghanen, sich nach mehr als zwanzig Jahren Krieg nun endlich zusammenzuraufen. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Ohne rasche Wiederaufbauerfolge stehen die Chancen für einen dauerhaften Frieden nicht gut. Erst wenn die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, wenn Arbeitsplätze - auch für ehemalige Kämpfer - und neue zivile Strukturen entstehen, kann der Einfluss der Kriegsherren allmählich zurückgedrängt werden.

Keine Rückkehr ohne Sicherheit

Konkret heißt das: Als erstes müssen Straßen gebaut, die Landwirtschaft angekurbelt sowie Exilafghanen als Fachkräfte und Investoren gewonnen werden. Doch kein Flüchtling wird sein Gespartes hergeben oder mit seiner Familie in die afghanische Provinz zurückkehren, wenn er nicht sicher sein kann, dass er nicht gleich wieder vertrieben und sein Unternehmen zerstört wird. Und auch die 4,5 Milliarden Dollar der internationalen Gemeinschaft fließen nicht automatisch, sondern nur, wenn die Regierung Karsai und die ihr folgenden Übergangsgremien ordentliche Rahmenbedingungen für Hilfsprojekte schaffen. Die ganze Wahrheit lautet daher: Eine Schutztruppe wäre der beste Garant für einen Neuanfang in Afghanistan.

Theoretisch gibt es sogar einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation: Wenn ein Teil der zugesagten Hilfe in eine starke Friedenstruppe investiert würde, könnte mit dem übrigen Geld die Entwicklung des Landes zumindest angestoßen werden. Das wäre allemal besser, als die Milliarden zu horten und zuzusehen, wie Afghanistan in Anarchie zurückfällt.

Solange der Wiederaufbau auf der Stelle tritt, bleiben die Menschen im Land selbst und den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten abhängig von Nothilfe. Auch die will finanziert sein und wäre nicht einmal nachhaltig. Doch eine Schutztruppe ist eben nicht nur eine Frage des Geldes, sondern erfordert einen hohen menschlichen Einsatz. Dazu ist die internationale Gemeinschaft bei aller Hilfsbereitschaft bisher nicht bereit.

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