Automobilindustrie : Die Wolfsburger Welt AG

Die Autoindustrie erlebt die spannendste Übernahme seit langem. Wie Porsche und VW künftig gemeinsam das Riesenrad drehen wollen.

Henrik Mortsiefer

Die Deutsche Bank wurde einmal als weltgrößter Hedge-Fonds bezeichnet, weil Deutschlands größte Bank das meiste Geld nicht mehr mit klassischen Bankgeschäften, sondern als Spekulant auf dem undurchsichtigsten Teil des Finanzmarktes verdient. Der Sportwagenbauer Porsche liefert einen Anlass, über Hedge-Fonds in einer anderen deutschen Schlüsselbranche nachzudenken – und damit über das neueste Modell deutscher Industriegeschichte.

Auch Porsche verdient nämlich mit Finanzgeschäften mehr als mit dem (nebenbei ebenfalls hoch profitablen) Verkauf von Autos. 2007 fiel bei Optionsgeschäften mit VW-Aktien ein Gewinn von 3,6 Milliarden Euro an. Die zehn Milliarden Euro, die Porsche für zusätzlichen VW-Aktien ausgeben will, hat der Konzern außerdem – als Profiteur der Kreditkrise – „risikofrei und gut verzinst“ ohne Mithilfe seiner Hausbanken angelegt.

Was wie ein Nebenschauplatz der spektakulären Zusammenführung von Porsche und Volkswagen aussieht, ist tatsächlich eine Achse des neuen Riesenreichs von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Sie bringen zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört: Hedge- Fonds-Logik und alte Deutschland AG. Die Rollenverteilung ist klar: Wiedeking als schnodderiger, aber kalt kalkulierender Auto(finanz)manager, der nur eines kennt – Rendite, egal wo sie erzielt wird. Dort Piëch als Patriarch, der – technikbesessen und traditionsverbunden – vor allem die Interessen seines Clans, der Familien Porsche und Piëch, im Sinn hat und den Betriebsrat ruhigstellt. Gemeinsam wollen sie das große Rad drehen. Industriepolitisch drehen sie es ein Stück zurück. Der einst staatliche VW-Konzern wird künftig zu mehr als 70 Prozent von nur zwei Eigentümern dirigiert: Porsche und dem Land Niedersachsen.

Vom Ausgleich der Interessen, der bei VW eine sehr politische Dimension hatte und haben wird, hängt ab, ob die Konstruktion der Wolfsburger Welt AG gelingt. Hier muss die Achse noch gerichtet werden, wie sich an den plakativen Avancen Wiedekings an die gewerkschaftlich organisierte VW- Belegschaft zeigt und am Furor des VW-Betriebsrats, der Wiedeking als Napoleon attackiert.

Vom Stadtauto über den Edelsportwagen bis zum 40-Tonner will der Konzern überall ins Geschäft kommen. Das Risiko liegt auf der Hand. Daimler-Chrysler zeigt, was aus der Vision eines transatlantischen Autoherstellers werden kann. Daimler solo demonstriert andererseits, dass ein Autokonzern sehr gut vom Smart über die S-Klasse bis zum Schwerlaster alles bauen kann. Wiedeking und Piëch müssen zeigen, dass sie es auch und besser können. Superlative bringen sie mit: Der profitabelste Sportwagenkonzern hat das Sagen bei Europas größtem Autohersteller, der an die Spitze der europäischen Lkw-Branche fährt.

Die Autoindustrie erlebt die spannendste Übernahme seit langem. Und der Standort Deutschland ein industriepolitisches Experiment mit ungewissem Ausgang.

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