Bahn-Privatisierung : Verkaufter Verkehr

Heute beschließt das Kabinett die Privatisierung der Bahn. Die Kernfragen sind ungeklärt

Moritz Döbler

Es war einmal eine Zeit, da wollten Jungs Lokführer werden. Auch Erwachsene konnten dem Beruf viel abgewinnen – der Lokführer war Beamter, trug Verantwortung, stellte etwas dar. Heute ist seine wichtigste Aufgabe, nicht einzuschlafen. Der Computer regelt alles. Trotzdem fühlt sich der Lokführer unterbezahlt und scheut sich nicht, das Land lahmzulegen. Die Verantwortung, die er kennt, gilt nicht der Gesellschaft oder dem Staat. Er ist ein ganz gewöhnlicher Arbeitnehmer geworden.

Der einstigen Bundesbahn geht es ähnlich; sie verwandelt sich in ein gewöhnliches Unternehmen. Hartmut Mehdorns Lebenswerk, die Vision eines weltumspannenden Logistikkonzerns mit Personenverkehrssparte scheint Wirklichkeit zu werden. Am heutigen Dienstag beschließt das Bundeskabinett die weitgehende Privatisierung der Deutschen Bahn. Bis zu 49 Prozent der Anteile will der Staat verkaufen, zunächst ein Paket von 25 Prozent. Man wird sehen, an wen.

Viele andere Fragen sind ebenfalls offen. Lange konnte man sich nicht einigen, wem die Schienen gehören sollen. Der gefundene Kompromiss ist das typische Jein der Politik – wird er einer gerichtlichen Prüfung standhalten? Für 15 Jahre – die Union fordert zehn Jahre – soll die Bahn das Netz behalten, dann soll es an den Staat zurückfallen können. Wie aber kann die Bahn etwas bilanzieren, was ihr im Zweifel doch nicht gehört?

Auch politisch ist die Sache noch längst nicht durch. Nicht das Kabinett entscheidet am Ende, sondern das Parlament. Innerhalb der SPD-Fraktion gibt es durchaus Widerstand, der sich beim Bundesparteitag im Oktober artikulieren will. Zudem fordern mindestens sieben Bundesländer Nachbesserungen. Vor der Bahn liegt eine Zeit großen Schacherns, so viel ist sicher.

Und der drohende Lokführerstreik führt vor Augen, um wie viel es wirklich geht. Wenn der Bahnverkehr zum Erliegen kommt, kostet das die Volkswirtschaft täglich eine halbe Milliarde Euro, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnet. So viel ist die Bahn wert – das ist binnen ein paar Tagen mehr als selbst der utopischste Verkaufserlös.

Und so stellt sich eben doch die Grundsatzfrage immer noch. Soll dieses Verkehrssystem, das so wichtig für das ganze Land ist, wirklich verkauft werden? Was verbessert sich durch den Verkauf und für wen? Wie lässt sich am besten mehr Wettbewerb auf der Schiene herstellen?

Es war einmal eine Zeit, da war das kleine Fenster am Bahnschalter, durch das man seine Fahrkarte in Auftrag gab, so niedrig, dass man sich bücken musste. Der Bahnbeamte hinter dem Fenster konnte dagegen sitzen, und das Stanzen der wenige Quadratzentimeter großen Pappfahrkarte war ein Hoheitsakt. Auch diese Zeit ist – Mehdorn sei Dank! – vorbei. Heute gibt es Tickets, und die kauft man am Counter, im Internet oder per Handy. Verspätungen halten sich in Grenzen, die Züge sind sauber und schnell. Die Bahn ist zu einem Serviceunternehmen geworden. Das ist ein großer Fortschritt. Vielleicht reicht das an Fortschritt. Vielleicht ist es gut, so wie es ist.

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