Bahn-Tarifkonflikt : Mein Hebel ist länger

Lästig, überflüssig, unprofessionell: Statt offen miteinander zu reden, verkeilen sich Lokführer und Bahnspitze in Imponiergehabe. Das Land hätte sich den Hahnenkampf sparen können.

Carsten Brönstrup

Seit dem Jahr 1329 kennt man im deutschsprachigen Raum das Mittel des Streiks. Damals schlossen sich in Breslau die Gürtlergesellen zusammen, um ihre Forderungen durchzusetzen. In den beinahe 700 Jahren, die seither vergangen sind, ist der Streik zu einer Art Grundrecht in modernen Demokratien geworden, als mächtigstes Druckmittel der Arbeiter gegen das Kapital. In dieser Zeit hat es vermutlich keinen Arbeitskampf gegeben, der aus wirtschaftlicher Sicht so weitreichend und folgenschwer war wie der der Lokführer, der am heutigen Mittwoch beginnt. Zugleich dürfte es auch keinen gegeben haben, der lästiger war – und vor allem überflüssiger.

Bereits 110 Stunden lang haben die Lokführer die Arbeit ruhen lassen, jetzt kommen 62 Stunden hinzu, erst im Güterverkehr, dann bei den Personenzügen. Die Bahn hat versucht, den Druck an sich abprallen, die Lokführergewerkschaft GDL auflaufen zu lassen. Und sie hat gehofft, dass die Kunden an den Bahnsteigen die Geduld verlieren werden und sich der öffentliche Zorn gegen die Lokführer richtet – jedoch vergeblich. Ihre Taktik ist nicht aufgegangen. Die Lokführer, die um ihre Daseinsberechtigung als Gewerkschaft kämpfen, sitzen offenbar am längeren Hebel – als hätte man das nicht vorher ahnen können.

Nicht nur deshalb hätte sich das Land den nun anstehenden Kampf sparen können. Denn seit ein paar Tagen senden beide Seiten Signale aus, dass ein Kompromiss machbar wäre. Die Bahn raunt, man könne die Lokführer in eine eigene Sparte auslagern und ihnen dort mehr Geld bezahlen. GDL-Chef Schell lässt wissen, statt 31 Prozent Lohnerhöhung seien auch 15 in Ordnung – und trifft sich zudem mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn zu Geheimverhandlungen. Eigentlich wären offizielle Gespräche die logische Folge – dies scheut die Gewerkschaft aber, weil sie sich dann in die Friedenspflicht begeben müsste. Nach ihrer aggressiven Rhetorik und der konfusen Streiktaktik der vergangenen Wochen ist die Stimmung an der Basis aber offenbar derart aufgeladen, dass die Funktionäre den Arbeitskampf schlicht nicht mehr aufhalten konnten.

So weit dürfen es professionelle Gewerkschaftsstrategen eigentlich nicht kommen lassen. In einer so stark vernetzten und von Warenströmen abhängigen Kultur wie der deutschen mit einem Streik Millionenschäden zu verursachen, ist nur verantwortbar, wenn es gute Gründe dafür gibt – die GDL hat sie nicht.

Beiden Streitparteien bleibt jetzt nur, es nicht zum Schlimmsten kommen zu lassen, einem unbefristeten Streik in der kommenden Woche. Den größeren Schritt dabei muss die Bahn tun – sie hat in diesem Gefecht mehr zu verlieren als die Lokführer. Lässt sie sich weiter mit Streiks überziehen, verliert sie nicht nur Geld, sie bestätigt vor allem ihr altes Bild als unzuverlässiger, serviceschwacher Zuspätkommer – genau dieses Vorurteil mühen sich die Manager seit Jahren auszuräumen. Der Vorstand muss zeigen, dass er aus der Streikgeschichte der vergangenen 700 Jahre gelernt hat. Sonst drohen Verhältnisse wie einst in Breslau – dort dauerte es ein langes Jahr, bis sich die Gürtlergesellen mit ihren Meistern einigen konnten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben