Meinung : Bahnhof der Eitelkeiten

Den streikenden Lokführern geht es nicht ums Geld, sondern um ihren Status

Moritz Döbler

Hartmut Mehdorn hatte irgendwie wohl doch recht, als er vom „Krieg durch Streik“ sprach. Denn die Lokführer wählen eine Taktik, die an psychologische Kriegsführung erinnert. Da wird erst gedroht, man werde am Donnerstag, Freitag, Montag oder Dienstag streiken. Dann folgt die Entwarnung: nicht am Donnerstag. Schließlich: aber am Freitag doch, trotz des Bahn- Gipfels, der als Zeichen der Versöhnlichkeit gründlich missverstanden worden war.

Klar ist nun: Die Gewerkschaft wählt das Mittel des Arbeitskampfes, das den größtmöglichen Schaden bei den Kunden der Bahn anrichtet, sie stiftet nämlich Unsicherheit. Es blieb wenig Zeit, sich darauf einzustellen, dass in ganz Deutschland für einen Tag die meisten Regionalzüge und S-Bahnen stillstehen. Und Berlin wird besonders getroffen: Ausgerechnet am letzten Schultag vor den Herbstferien stiften die Lokführer ein Verkehrschaos.

In den vergangenen Jahren, als Belegschaften in Deutschland aus Angst vor der Globalisierung unisono den Gürtel enger schnallten, mag in Vergessenheit geraten sein, was einen Arbeitskampf ausmacht. Selbst wenn der Bahn-Streik am Freitag ziemlich einzigartig ist – Streiks sind es nicht; sie gehören zum Arsenal der Tarifpartner. Das Streikrecht sollte man den Lokführern also nicht absprechen.

Doch die Frage drängt sich auf, wie weit die Lokführer eigentlich gehen wollen, um ihren Sonderstatus tarifpolitisch anerkannt zu bekommen. Denn nur daran liegt ihnen offenbar wirklich: Gewerkschaftsführer Manfred Schell hat gerade erst klar signalisiert, dass die 31-Prozent-Lohnforderung umgehend vom Tisch ist, sobald über einen eigenen Lokführertarifvertrag verhandelt wird. Es geht also letztlich gar nicht ums Geld und auch nicht um die Arbeitszeit, sondern um Eitelkeit allein.

So sieht es aus – böse gesagt. Man könnte das Gleiche auch so ausdrücken: Nun rächt sich, dass die Staatsbahn auch auf Kosten der Belegschaft börsenfähig gemacht wurde. Der Kraftakt war beispiellos, die Belegschaft schrumpfte um fast 100 000 Mitarbeiter. Doch die Gewinne, mit denen sich Bahn- Chef Mehdorn brüstet, mit denen er auch seine eigenen Gehaltserhöhungen begründet – erwirtschaftet haben sie die Beschäftigten.

Aber eben nicht die Lokführer allein. Die Belegschaft des Staatskonzerns droht nun auseinanderzubrechen, und daher ist es dringend geboten, eine Einigung herbeizuführen – ob mit eigenem Lokführertarifvertrag oder ohne ist fast egal, Hauptsache, es kehrt Frieden ein.

Denn den braucht es dringend, auch unabhängig vom Börsengang. In einem Unternehmen, das zu einem großen Teil privatisiert werden soll, ist der Betriebsfrieden auch nicht wichtiger als in einem Staatsunternehmen, das sich den Wünschen der Fahrgäste und anderen Kunden nachhaltig verpflichtet fühlt.

Ob Mehdorn der Mann des Friedens ist, wird sich zeigen. Schell jedenfalls ist es auf den letzten Metern seiner Gewerkschafterkarriere – nächstes Jahr geht er in den Ruhestand – offensichtlich nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar