Bahnstreiks : Unter Zugzwang

Deutschland stehen wochenlange Bahnstreiks bevor, einen Kompromiss in letzter Sekunde hat der Konzern ausgeschlossen. Bahn und Lokführer wollen es wissen: Wer hält länger durch? Es ist ein Showdown der Dickköpfe.

Bernd Hops
Bahn
Showdown der Dickköpfe: Bei der Bahn treffen zwei mit Selbstbewusstsein aufeinander. -Foto: dpa

Deutschland muss sich auf wochenlange Bahnstreiks einstellen. Einen Kompromiss in letzter Sekunde hat der Konzern ausgeschlossen. Der Chef der Lokführergewerkschaft, Manfred Schell, und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, die beide nicht an zu wenig Selbstbewusstsein leiden, wollen es nun wissen: Wer hält länger durch? Es ist ein Showdown der Dickköpfe.

Das Recht haben die Lokführer auf ihrer Seite. Solidarität zwischen den Arbeitnehmern eines Betriebs sieht zwar anders aus. Aber wer sich über ihre Streiks aufregt, der kann nur fordern, dass diese Berufsgruppe wieder verbeamtet wird. Die Sympathien der meisten Bundesbürger sind aufseiten der GDL, obwohl Millionen Pendler auf S-Bahnen und Regionalzüge angewiesen sind. Viele Menschen haben selbst das Gefühl, für ihre Leistung zu wenig Geld zu bekommen. Können sie da einer Gruppe, die wahrlich nicht zu den Spitzenverdienern zählt, einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Machtposition nutzt? Die Lokführer nehmen sich ein Vorbild an den Piloten, die unabhängig von Stewardessen und Catering-Mitarbeitern ihre Löhne verhandeln. Darüber steht das Grundgesetz, das die Koalitionsfreiheit gewährt. Das heißt: Beschäftigte dürfen sich zusammenschließen und für ihre Interessen kämpfen bis hin zum Streik. Dabei ist es verfassungsrechtlich gesehen vollkommen egal, wie groß die Gruppe ist.

Außerdem hat die Bahn gerade erst milliardenschwere Gewinne verkündet. Der Vorstand hat sich als Erfolgsbeteiligung üppige Gehaltserhöhungen genehmigt – und kann von der Öffentlichkeit in dem Tarifstreit wenig Mitleid erwarten. Dem Konzern unter seinem Chef Mehdorn trauen die meisten ohnehin alles zu. Der will doch nur an die Börse, denken viele.

Die Lokführer wirbeln den Konzern mit ihren Gehaltsforderungen gehörig durcheinander. Die Stellung der Bahn im deutschen Regionalverkehr etwa würde tatsächlich leiden, weil die meisten Wettbewerber niedrigere Löhne zahlen. Löhne, die die GDL mitzuverantworten hat. Aber ist das ihr Problem? Es ist zwar kurzsichtig, den größten Arbeitgeber ihrer Mitglieder zu schwächen. Doch damit umzugehen, ist die Aufgabe des Bahn-Managements. Die hohen Lohnforderungen könnten die Gewinne wegfressen, die der Konzern braucht für Investitionen – und um für private Geldgeber attraktiv zu sein. Außerdem: Bekommen die Lokführer mehr Geld, wollen die übrigen Mitarbeiter ebenfalls mehr. Der jüngst erzielte Tarifvertrag für 134 000 Beschäftigte der Bahn gilt nur, solange kein höherer mit einer anderen Gewerkschaft abgeschlossen wird. Das haben die großen Gewerkschaften Transnet und GDBA ausgehandelt. Sie haben Angst, dass die GDL ihnen mit einer erfolgreicheren Tarifpolitik Mitglieder abwirbt.

Das Problem sind eben nicht nur ein paar tausend renitente GDL-Mitglieder. Der Bahn-Vorstand hat sich einiges einfallen lassen, um der kleinen Gewerkschaft ein gutes Angebot zu machen und ihre Stellung im Gefüge der drei Gewerkschaften zu stärken. Der Bahn kann man jedoch vorwerfen, dass sie viel zu lange auf Zeit gespielt hat. Der Konzern hat darauf gehofft, dass der kleine Gegner schon irgendwann einknickt oder von den Gerichten gestoppt wird. Als wirklich Bewegung in die Angebote der Bahn kam, war die GDL zu einer Diskussion nicht mehr bereit. Jetzt geht es ihr ums Prinzip – und ums Überleben.

Dass die Lokführer nicht in die Reihen der Bahngewerkschaften integriert werden konnten, ist ein Armutszeugnis für die Arbeiterbewegung. Würden sich die Lokführer und Zugbegleiter gut durch Transnet und GDBA vertreten fühlen, hätte GDL-Chef Schell kaum die große Zustimmung bei seiner Klientel erhalten. Das Problem hatte auch schon Verdi bei den Krankenhausärzten, die sich nun lieber vom Marburger Bund vertreten lassen. Die großen Gewerkschaften müssen sich dringend Gedanken machen, wie sie die Beschäftigten in Deutschland besser und glaubwürdiger vertreten können. Den Bahn-Kunden wird das diesmal nicht helfen. Aber vielleicht können so andere Streiks verhindert werden.

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