Meinung : Baisse in den Köpfen

Es gibt Zeichen für einen Aufschwung – allein der Glaube fehlt

Ursula Weidenfeld

Der Puls ist kaum noch messbar: Die deutsche Wirtschaft wächst nicht mehr. Sie steckt in einer Phase der Stagnation, wenn nicht in der Rezession. Die Aktienkurse sind so niedrig wie seit über sechs Jahren nicht mehr, der Handel hat im Januar trotz Schlussverkauf noch einmal weniger verkauft. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Die Stimmung der Unternehmer wird besser.

Die volkswirtschaftlichen Daten sind nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Es ist üblich, dass genau dann, wenn die Statistiker feststellen, dass eine Volkswirtschaft nicht mehr wächst oder gar schrumpft, die Wende zum Besseren schon eingesetzt hat. Noch nicht messbar zwar, aber fühlbar. So fügt sich das Ifo-Geschäftsklima prima in das derzeitige Lieblingsszenario der Bundesregierung: Der Aufschwung ist nah, er wird sich spätestens im Herbst auch in der Konsumstimmung und auf dem Arbeitsmarkt auswirken. Und wenn man ihm dann noch ein bisschen auf die Beine hilft mit einem Investitionsprogramm oder ein bisschen weniger sparen, ist das Schlimmste fast geschafft.

So einfach ist es leider nicht. Nicht nur, weil staatliche Konjunkturprogramme in aller Regel nicht mehr als ein Strohfeuer auslösen. Und weil über allen Prognosen und Erwartungen das Risiko eines Irak-Krieges liegt. Sondern weil es Probleme gibt, die die deutsche Volkswirtschaft dauerhafter belasten als das konjunkturelle Auf und Ab.

Für das erste dieser Probleme kann in Deutschland niemand etwas: In den USA ist das Verbrauchervertrauen im Januar eingebrochen. Der Konsum, bisher wichtigste Stütze der US-Konjunktur, droht ebenfalls abzustürzen. Rutscht die US-Wirtschaft in die Krise, trifft das die deutsche Konjunktur empfindlich. Zuletzt war es nämlich nur der Export, der das deutsche Wachstum über der Null-Linie gehalten hat. Deutlicher noch wird sich der starke Euro auswirken. In dem Maße, in dem die Stimmung in den USA eintrübt und Waren aus dem Euroraum teurer werden, würde die europäische Konjunktur von einer Konsumkrise in den USA angesteckt.

Ein Blick auf die deutsche Börse zeigt, dass es auch eine Menge hausgemachter Probleme gibt, die den Optimismus schnell wieder trüben können. Die Aktien sind tiefer gerutscht als in den USA und in England. Das liegt einmal an den allgemeinen Rahmenbedigungen in Deutschland. Die Schwerfälligkeit der Bürokratie, die Intransparenz des Steuersystems, die Lohnnebenkosten, die Arbeitslosigkeit – die Argumente sind bekannt. Offenbar sind aber auch Unternehmensvorstände und Manager, die gerne den Staat für die Standortprobleme verantwortlich machen, selbst nicht unbeteiligt daran, dass Anleger mittlerweile einen Bogen um deutsche Unternehmen machen. Da ist das Gerede von einer Bankenkrise. Unabhängig davon, ob es sie wirklich gibt: Allein die Tatsache, dass darüber nachgedacht werden muss, wohin die deutschen Geschäftsbanken im Falle eines Falles ihre faulen Kredite entsorgen, macht die Vertrauenskrise deutlich.

Schlimmer als statistische Stagnation lähmt die Frage die deutsche Wirtschaft, wem man eigentlich noch was glauben darf. Banker, Gewerkschafter und Manager haben sich möglicherweise bei Mannesmann verabredet, um Abfindungssummen zu bezahlen, die aus heutiger Sicht anstößig hoch sind. Bei der Volksaktie Telekom wird sogar geargwöhnt, dass der Staat selbst und das von ihm eingesetzte Management den Anlegern ein paar Risiken verschwiegen haben, als sie die dritte Tranche der T-Aktien an die Börse brachten. Das setzt der deutschen Wirtschaft stärker zu als die Furcht vor dem Krieg. Und deshalb wären deutsche Unternehmen und Banken auch gut betraten, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen – unabhängig von der Konjunkturentwicklung. Einen richtigen Aufschwung nämlich kann es nur geben, wenn alle bereit sind, ihre Hausaufgaben zu machen. Und wenn die Unternehmer, die Anleger, die Beschäftigten und die Bürger ihnen auch glauben.

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