Meinung : Bald ist es zu spät

Nach dem Parteitag der NPD: Warum wir mehr Zeitzeugen hören müssen Von Jan Hambura

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Bundesparteitag der NPD in Berlin, gefolgt von der Verbotsdiskussion, immer mehr rechtsextreme Gewalttaten: Ich frage mich, warum nicht mehr Zeitzeugen an Schulen kommen, um über ihre Erlebnisse während des Nazizeit zu erzählen. Ich zumindest wurde in der Schule nie mit Überlebenden des Krieges konfrontiert. Dabei könnten sie uns durch ihren Lebensweg gerade vor dem Hintergrund der Probleme mit Rechtsextremisten helfen. Denn Politiker können mahnen, sooft sie wollen, sie werden nie die Authentizität eines Überlebenden erlangen.

Dass wir ein Problem in unserer gesamten Gesellschaft haben, haben wir vor ein paar Wochen in einer Schule in Parey erleben können. Rechtsradikale hatten dort einen Mitschüler gezwungen, ein Schild mit einer antisemitischen Aufschrift zu tragen und damit über den Schulhof zu laufen. Es geht nicht um Panikmache. Aber schon lange ist bekannt, dass es in unserem Land auch Gebiete gibt, die von Rechtsradikalen kontrolliert werden, sogenannte No-go-Areas. Die Dramatik der Situation belegt die Zahl von 8000 registrierten rechtsradikalen Straftaten im Zeitraum vom Januar bis Ende August dieses Jahres.

Was können wir tun? Am besten, man fängt bei uns Jugendlichen an. Das Schulfach „Nationalsozialismus“, das vor kurzem in der Diskussion war, wäre keine gute Lösung – viele Jugendliche könnten dadurch verschreckt werden, geht es doch nicht darum, uns immer wieder unsere „Erbschuld“ vor Augen zu führen, sondern künftige Gräueltaten zu vermeiden.

Einen Krieg unmittelbar erlebt haben meine Altersgenossen und ich nie – das wird hoffentlich so bleiben. Und doch fragen sich viele Jugendliche, wieso sie nicht einmal aus Protest oder Überzeugung die NPD oder DVU wählen sollen. Denn es sind ja nicht nur Nazis, die Rechtsextreme wählen, sondern auch der Handwerker oder Arzt von nebenan. Parteien, die in ihren Programmen die gleiche Rhetorik nutzen wie einst die NSDAP, werden salonfähig.

Die demokratischen Parteien sind gefordert, ein Zeichen zu setzen. Wir brauchen keinen weiteren Krisengipfel, sondern etwas Greifbares. Noch immer werden CDs mit rechtsradikaler Musik auf Schulhöfen verteilt!

Ein weiterer Punkt ist der Unterricht über die NS-Zeit, da oft alles vier- oder fünfmal von verschiedenen Lehrern wiederholt wird. So haben wir während meiner Schulzeit etwa fünfmal ausführlich über mehrere Monate die Zeit des Nationalsozialismus besprochen. Diese ewigen Wiederholungen wecken bei einigen Schülern Unmut, weil alles schon allzu oft durchgekaut wurde und sogar teilweise als langweilig angesehen wird. Dabei spielt nicht nur die Häufigkeit eine Rolle, sondern auch die Art des Unterrichts. Ein Zeitzeuge ist tausendmal überzeugender, lebhafter und glaubhafter als ein vollkommen übermüdeter Lehrer in der achten Stunde, der die furchtbaren Geschehnisse womöglich noch langweilig rüberbringt.

Es wird immer unbelehrbare Menschen geben. Auch der Einsatz von Zeitzeugen wird Holocaust-Leugner oder NPD-Wähler nicht verhindern. Aber jüdische, polnische, russische und andere Überlebende können uns eine Mahnung sein und uns zu einem bewussteren und toleranteren Umgang miteinander bewegen.

Jeden Tag versuchen unzählige Überlebende des Zweiten Weltkriegs, ihre Erlebnisse und Gefühle zu vermitteln und vor einer Wiederholung der Geschehnisse zu warnen. Wir sind dringend auf sie angewiesen. Denn wir brauchen jemanden, der uns das Leid während des Krieges näher bringt. Die meisten Überlebenden, die heute noch leben, waren in der Zeit des Krieges jünger oder genauso alt wie wir Jugendlichen heute, sie hatten oft vergleichbare Wünsche – gerade das könnte eine Brücke sein zwischen ihrer und unserer Generation. Die muss jetzt geschlagen werden, weil die Zeit drängt und die Zahl der Zeitzeugen jeden Tag kleiner wird.

Der Autor ist Landesschülervertreter in Berlin und Vorsitzender des Kinder- und Jugendparlaments Charlottenburg-Wilmersdorf.

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