Meinung : Balkan-Krise: Wir Zuschauer

Tilman Spengler

Wenn in Mazedonien von "Skipetaren" geredet wurde, beschwor das nie jene herzlich romantische Stimmung, die uns aus den Büchern Karl Mays vertraut ist. Die "Skipetaren", die albanischen Mitbürger, zogen so ziemlich alle Vorurteile auf sich, die Minderheiten überall aufgedrückt werden: zu faul, zu dumm, zu viele Kinder. Der Kosovo-Krieg und das Elend der Flüchtlinge haben an dieser Grundeinstellung wenig geändert. Das ist bedauerlich und weitest gehend bekannt.

Genauso ist bekannt, dass sich eine Stabilisierung dieser Region nur erreichen läßt, wenn genauso viel Einfallskraft für den Wiederaufbau Ex-Jugoslawiens aufgebracht wird, wie ehedem für dessen Zerstörung. Eher noch mehr, denn die Zerstörung war, wie sich schnell abzeichnete und herumsprach, ein ziemlich einfallsloses Projekt. Nun hat der Balkan seit der Befriedung des Kosovo gewaltig an intellektueller Popularität eingebüßt. Unsere kühn formulierenden und noch kühner vordenkenden "Bellizisten" in Westeuropa haben sich längst mit hochgeschlagenem Kragen aus diesem Theater geschlichen. Wo sie früher auf unzähligen Konferenzen Solidarität mit den Entrechteten forderten, witzeln sie heute über die Geschicklichkeit, mit der, angeblich, ein paar windige albanische Mafiabosse die Streitkräfte der Nato für ihre Zwecke einspannten. Es darf inzwischen ja auch wieder spekuliert werden, ob in jenem Krieg denn überhaupt jemand vertrieben, gefoltert, vergewaltigt oder umgebracht wurde.

Schlechte Karten mithin für eine Politik, die hier auf Ausgleich und Verständigung setzt und dabei in Jahren, nicht in Wahlterminen denkt. Nicht viel tröstlicher stimmt uns, aus unserem Auswärtigen Amt zu erfahren, geopolitisch sei die Lage "noch bilanzierbar". Zwar gilt Adornos Satz, dass eine kühne Sprache vor keinem Sachverhalt verzweifeln muss, doch es gilt leider genauso, dass sich intellektuelle Mutlosigkeit oft hinter bramabarsierenden Formulierungen versteckt. Als der Krieg noch heiß war, wurden unendlich viele gescheite Projekte erdacht, die Albanern, Mazedoniern oder Serben den Aufbau einer zivilen Gesellschaft ermöglichen sollten. In den betroffenen Gebieten wetteiferten Hilfsorganisationen nicht nur um ein schneidiges Auftreten vor den Kameras, sie versuchten sich auch an der Propagierung von Lebensformen, in denen der Held eben nicht die Uniform der UCK, die Lederjacke eines serbischen Freischärlers oder das Nato-Oliv eines Bundeswehrsoldaten trug.

Gewiss, manche dieser Projekte reizten eher zum Spott und verbreiteten so viel Hoffnung wie die Erscheinung der Heilsarmee im Kampf gegen die Schnapsbrennereien dieser Welt. Dennoch schien für einen entscheidenden Moment die Botschaft begriffen: Dem kranken Nachbarn kann nicht allein durch Bomben geholfen werden.

Wenn jetzt wieder die Soldaten ins Geschirr müssen, ist das wie immer ein Zeichen unseres Versagens. Nicht ein Zeitpunkt ist verpasst worden, zu dem das eine oder andere Signal hätte gesetzt werden können, nein, verpasst wurde eine Entwicklung. Dabei zugesehen haben wir alle.

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