Meinung : Balkan: Reden mit den Terroristen

Stephan Israel

Die mazedonische Regierung lässt jeden Tag über die linientreuen Medien die neusten Siegesmeldungen verbreiten. Glaubt man der offiziellen Propaganda, ist es nur eine Frage von Tagen, bis die albanischen Freischärler bezwungen sind. Das Publikum vergisst nur allzu gerne, dass der endgültige Sieg über die Rebellen schon öfter verkündet worden ist. Es dauerte jeweils nicht lange, bis die Kämpfer der so genannten Nationalen Befreiungsarmee (UCK) an einem anderen Ort erneut auftauchten.

So wird es auch in Zukunft sein. Mit militärischen Mitteln alleine kann die Regierung die Albanerrebellen auf mazedonischem Territorium nicht besiegen. Im Gegenteil, die militärische Option führt direkt in die Katastrophe. Die Regierung behauptet noch immer, die Männer der UCK seien "aus dem Kosovo eingeschleuste Terroristen". Die Mittel zur Terrorbekämpfung stehen Polizei und Armee des kleinen Landes allerdings nicht zur Verfügung. Also wird mit schwerer Artillerie und aus Kampfhubschraubern auf die vermuteten Stellungen der Rebellen in den Dörfern geschossen. Mit jedem zivilen Opfer und mit jedem zerstörten Dorf wachsen unter Mazedoniens Albanern dabei die Sympathien für die bewaffneten Gruppen.

Die slawisch dominierte Führung in Skopje macht es sich ohnehin zu leicht, wenn sie die Kämpfer der UCK als importierte Terroristen abtut. Die bekannten Kommandanten der Guerilla stammen aus Mazedonien und können sich zudem über einen Mangel an neuen Rekruten aus dem Heer der arbeitslosen Jugend des Landes nicht beklagen.

Die "Befreiungskämpfer" haben sich offiziell den Kampf gegen die Diskriminierung der Albaner in Mazedonien auf die Fahnen geschrieben. Ihr Programm fällt bei der Minderheit im Vielvölkerstaat offensichtlich auf fruchtbaren Boden. Selbstverständlich ist der Kampf für gleiche Rechte noch lange kein Grund, zur Waffe zu greifen. Vor allem, nachdem die politischen Vertreter der Albaner in den letzten zwei Jahren innerhalb der Institutionen Fortschritte erzielen konnten. Die slawisch dominierte Regierung muss sich jedoch damit auseinandersetzen, dass albanische Mitbürger bereit sind, mit der Waffe für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Mit jedem Tag der militärischen Offensive gegen die UCK-Hochburgen wächst die Gefahr des Bürgerkrieges. Die Polarisierung zwischen den zwei größten Volksgruppen hat heute einen kritischen Punkt erreicht. Die latenten Vorurteile auf beiden Seiten machen offenem Rassismus Platz. Der Eklat um ein Geheimtreffen zwischen Albanerpolitikern und einem Vertreter der Rebellen hat das Misstrauen noch verstärkt. Premierminister Ljubco Georgievski selber hat den Ton angegeben, als er vergangene Woche von der "Kriegserklärung der Albaner an die mazedonische Nation" sprach.

Die Kriegshysterie hat gefährliche Dimensionen erreicht. In der slawischen Mehrheitsbevölkerung, der Armee und der Polizei wächst die Überzeugung, dass ein für alle Mal entschieden werden muss, wer im Staat das Sagen hat. Diese Konfrontation wird allerdings Mazedonien als souveräner Staat nicht überleben. Der einzige Ausweg führt über den Dialog, den das Land aber aus eigener Kraft nicht wird führen können. Das "Kabinett der Nationalen Einheit", unter Druck der EU zustande gekommen, existiert nur noch auf dem Papier. Ein internationaler Vermittler muss her, der die Friedensgespräche koordiniert, überwacht und die Rahmenbedingungen festlegt. Dabei wird man auch nicht darum herum kommen, die Rebellen einzubinden. Derzeit unterstützt die internationale Gemeinschaft die Führung in Skopje noch in ihrer Haltung, wonach Gespräche mit den "Terroristen" Tabu sind.

Im benachbarten Südserbien haben Nato-Vertreter und die neue Belgrader Regierung allerdings gerade demonstriert, dass die Einbindung der bewaffneten Gruppen sinnvoll sein kann. Als sie am Verhandlungstisch in die Zange genommen wurden, haben die albanischen "Befreiungskämpfer" im Presevotal ohne größeren Widerstand der Entwaffung zugestimmt.

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