Barack Obama : Die Reise zur Wahl

Warum fliegt Barack Obama mitten im Wahlkampf zehn Tage in der Welt herum? Die Reise ist für ihn nicht ohne Risiko. Aber sie bestimmt seine außenpolitische Glaubwürdigkeit. Ein Kommentar von Christoph von Marschall

Diese Premiere hat ihre Tücken. Kann ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat durch eine Reise die Herzen der Wähler erobern? Nützt es ihm, wenn er mitten im Wahlkampf zehn Tage in der Welt herumfliegt? Davon gehen offenbar jene Kritiker aus, die Barack Obama vorwerfen, er suche nur billige Wahlkampfauftritte in Jerusalem, Berlin, Paris und London.

Doch das Verhältnis der Amerikaner zum Ausland ist komplizierter. Sie wollen geliebt werden - und bewundert für ihre Demokratie, die sie für die weltweit beste halten. Sie leiden daran, dass George W. Bush das Ansehen ihres Landes beschädigt hat. Sie reden weiterhin gerne über Weltpolitik "unter amerikanischer Führung" und benutzen die Floskel manchmal so missionarisch, dass es einem Nicht-Amerikaner ziemlich auf die Nerven gehen kann, erst recht, wenn von Themen wie Klimaschutz die Rede ist, wo die USA weit hinter Europa liegen.

Aber zugleich erwarten Amerikas Wähler, dass ihre Politiker zuallererst für sie da sind. Manche konservative Abgeordnete verkünden mit Stolz, dass sie keinen Reisepass haben - also keine Zeit im Ausland verschwenden, sondern ununterbrochen die Interessen ihres Wahlkreises vertreten. Müsste Obama da nicht alle verfügbare Zeit bis zum 4. November dazu nutzen, möglichst vielen Bürgern daheim zu begegnen und ihnen mitfühlend zu versichern wie einst Bill Clinton: "I feel your pain"?

Die Wähler spüren die Wirtschaftskrise. Sie verlangen Antworten, wann und wie es wieder aufwärts geht. Die Frage, ob Israelis, Palästinenser und Europäer Barack Obama zujubeln, bewegt sie weniger. Dessen Reise enthält sogar ein Risiko. John F. Kerry und Michael Dukakis sind warnende Beispiele, dass ein "europäisches Image" die Wahlchancen eines Kandidaten verringern kann. Der griechischstämmige Demokrat Dukakis führte im Sommer 1988 hoch gegen George H. W. Bush, verlor dann aber unter anderem deshalb, weil er die Todesstrafe mit europäisch klingenden Argumenten ablehnte. Und weil er sich im Panzer fotografieren ließ wie zuvor Margaret Thatcher. Er wollte dem Vorwurf militärischer Schwäche begegnen. Doch bei ihm wirkten die Bilder unglaubwürdig, das ging nach hinten los. Auch Kerry hat der Ruf, er sei ein europäisch geprägter Ostküstendemokrat, der zudem fließend Französisch spreche, geschadet. US-Wähler wollen einen hundertprozentigen Amerikaner im Weißen Haus sehen, keinen vom Ausland umjubelten Gegenpräsidenten, der die Irrtümer des Vorgängers Europa zuliebe korrigiert.

Das zweite Risiko für Obama: Er reist in verschiedene Länder und trifft dort auf gegensätzliche Erwartungen. Dabei kann er sich in Widersprüche verwickeln. Bei seinem ersten Besuch in Afghanistan wollen die Amerikaner hören, wie er die Lage dort zum Besseren wendet, aber auch, dass ein Präsident Obama von den Verbündeten verlangt, mehr Truppen zu schicken und größere Lasten zu übernehmen. In Berlin und Paris macht er sich damit keine Freunde. Die Israelis erwarten von ihm Härte gegen Irans Atomprogramm, die Deutschen das Bekenntnis zu einer friedlichen, diplomatischen Lösung. Der erste Fehltritt ist ihm schon vor der Abreise unterlaufen. Er nannte Jerusalem die ungeteilte Hauptstadt Israels. Die Palästinenser verlangen eine Korrektur, Jerusalem soll nach den offiziellen Friedensplänen auch Hauptstadt eines Palästinenserstaats sein.

Die Europareise wird für Obama keine Krönungsprozession. Überall lauern Fallstricke - jedenfalls wenn er an die Wirkung auf die Wähler daheim denkt. In Berlin wird er gewiss nicht den Deutschen nach dem Mund reden. Warum kommt er dann überhaupt? Weil sein republikanischer Rivale John McCain in der Außen- und Sicherheitspolitik weit mehr Ansehen genießt. Obama braucht Bilder, die in amerikanischen Augen seine Fähigkeit belegen, die Welt zu führen. Die Reise bestimmt seine außenpolitische Glaubwürdigkeit. Er kann einen großen Schritt in Richtung Weißes Haus machen. Wenn er stolpert, verspielt er seine Aussicht auf die Präsidentschaft.

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