Barack Obama : Wenn Worte von Taten künden

Barack Obamas Rede in Kairo geht in die Geschichte ein. Seine Worte könnten ein ähnlich kräftiges Nachspiel haben wie die von Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor. Eine gute Rede bewegt manchmal mehr als zehn halbgute Taten.

Malte Lehming

Macht hat der, auf dessen Wort hin etwas geschieht. US-Präsident Barack Obama ist der mächtigste Mann der Welt. Seine Kairoer Rede geht in die Geschichte ein. Sie markiert eine Neuausrichtung amerikanischer Außen- und Nahostpolitik. Kooperation statt Konfrontation, radikale Offenheit statt diplomatische Rücksichtnahme. Was wie eine Plattitüde klingt, wird in der Praxis weitreichende Konsequenzen haben. Eine gute Rede bewegt manchmal mehr als zehn halbgute Taten.

Die beiden anderen Stationen seiner Reise, KZ-Gedenkstätte Buchenwald und Normandie, waren Obama zwar wichtig, dienten ihm aber vor allem zur Eindämmung von Kritik, auf die seine Öffnung zur muslimischen Welt unweigerlich stößt. Die Botschaft von Buchenwald lautet: NS-Verbrechen und Shoah sind unvergessen, der Staat Israel als jüdische Heimstatt ist unantastbar. Die Botschaft der Normandie: Die USA bleiben willens und bereit, das Böse auch militärisch zu bekämpfen. So verbinden sich Buchenwald und Normandie auf perfekt inszenierte Weise zu Obamas primärer Aussage. Dialog, Respekt und Einbindung haben für ihn nichts zu tun mit Schwäche, Naivität und Autoritätsverlust.

Gerade weil die Kairoer Rede eine Wende einleitet, wurde ihre Bedeutung heruntergespielt – durch Vereinnahmung, indem sich die Interpreten nur das herauspickten, was ihnen passte; durch Bagatellisierung, weil bloße Worte ja angeblich die Welt nicht verändern; durch historische Einordnung, weil Obamas Vorgänger, inklusive George W. Bush, ja ebenfalls gegen Siedlungsbau und für die Zwei-Staaten-Lösung waren; durch moralisierenden Historismus, weil doch der Kampf der Schwarzen in Amerika etwas anderes war als der der Palästinenser heute. Mit solchen Einwänden täuscht man sich und andere über die Wucht dieser Rede. Mit ihr hat sich Obama selbst unter enormen Handlungszwang gestellt. Erwartungen, die er derart hoch- schraubt, muss er versuchen zu erfüllen, um nicht eines Tages ganz tief zu fallen.

Besonders in Israel wird man Angst vor dieser Dynamik haben. Den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten, das stimmt, haben schon viele US-Präsidenten verurteilt. Aber noch keiner hat signalisiert, dass er darin ein Haupthindernis für den Frieden in der Region sieht. Benjamin Netanjahu wird sich womöglich bald zwischen seiner Koalition und einem guten Verhältnis zu Washington entscheiden müssen. Dann der Iran. Grundsätzlich habe Teheran das Recht zur friedlichen Nutzung der Atomkraft, bekräftigt Obama, ohne in demselben Atemzug „alle Optionen sind auf dem Tisch“ zu sagen. Und zuletzt der Islam. Obama verkündet eine Partnerschaft mit der Weltreligion und verspricht, gegen negative Stereotype über Muslime vorzugehen, „wo immer sie auftreten mögen“.

Dieser US-Präsident verfolgt eine ambitionierte Agenda. Die Töne, die er anschlägt, sind Teil derselben Tonleiter, die seine Vorgänger benutzten. Aber seine Lieder klingen anders. Und er weiß die Mehrheit des Kongresses und, in Bezug auf die Siedlungen, die der amerikanischen Juden hinter sich. Kann eine Rede die Welt verändern? Als Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor „Tear Down This Wall“ ausrief, glaubte kaum einer, dass die Mauer zwei Jahre später tatsächlich fallen würde. Obama in Kairo: Das könnte ein ähnlich kräftiges Nachspiel haben.

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