Baubeginn des Dokumentationszentrums : Das Ende der Reise

Endlich versöhnt: Die zehn oder zwölf Millionen Menschen, die aus dem Osten Deutschlands und doch aus der Mitte Europas in den Westen flüchten mussten, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nun beginnt die museale Würdigung ihrer Geschichte.

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Fünf Jahre ist es her, dass das Buch des Historikers Andreas Kossert „Kalte Heimat“ nochmals heiße Debatten über „die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ – so der Untertitel – auslöste. Noch- und letztmals, darf man wohl sagen, jetzt, da am heutigen Dienstag mit dem Bau des Dokumentationszentrums der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin begonnen wird.

Dass die zehn oder zwölf Millionen, die aus dem Osten Deutschlands und doch aus der Mitte Europas in den Westen flüchten mussten, in den Westzonen und der jungen Bundesrepublik nicht übermäßig willkommen waren, mochten die West-Bürger auch 2008 nicht hören, wo sie doch so stolz darauf waren, gerade erst die Integration der DDR-Bürger in die bundesdeutsche Demokratie bewerkstelligt zu haben. Dafür konnte viel Geld aufgewendet werden, das tat nicht so weh; anders jedenfalls als in den Jahren ab dem bitterkalten Winter 1945, als die versprengten Trecks im Westen einzutreffen begannen.

Mitten in den Trümmern der zerbombten Städte Millionen Menschen aufzunehmen, die – ob in letzter Minute vor der anrückenden Roten Armee geflohen oder nach deren Sieg als Revanche der befreiten Staaten vertrieben – buchstäblich nichts retten konnten als ihr Leben, war schwer und fiel dem Westen schwer. Dass es trotz der „kalten Heimat“ geklappt hat, dass sich allmählich eine neue Heimat erwärmte, ist eine historische Leistung der Bundesrepublik, die alles andere als gering zu werten ist. Im Gegenteil. Die ethnischen Konflikte Europas nach 1990 lassen diese Integrationsleistung, mag sie sich auch einer einmaligen Konstellation verdanken, nur umso heller hervortreten.

Jahrzehntelang wurde das Wort „Heimatvertriebene“ zum Synonym bestenfalls dröger, schlimmstenfalls revanchistischer Sonntagsreden. Dass die Vertriebenen, wenn schon nicht in der „Erlebnisgeneration“, so doch in Person ihrer Kinder und Enkel, mit der Geschichte ihren Frieden haben schließen können, verdankt sich auch dem vor 60 Jahren verabschiedeten Vertriebenengesetz, das Leistungen und Rechtsansprüche regelte, und nicht zuletzt Politikern, die alles andere als rückwärtsgewandt waren, wie dem aus dem sudetendeutschen Eger gebürtigen Sozialdemokraten Peter Glotz.

Auch Erika Steinbach (CDU), die in den zurückliegenden Jahren die Buhfrau abgab, hat auf ihre Weise zum Abschluss der Latenzphase beigetragen. Indem sie sich letztmalig gegen die Zeiten stemmte, reizte sie ihr Blatt endgültig aus. Steinbach hat das mittlerweile selbst erkannt, zum Glück für ihren Vertriebenenverband wie für die Republik als Ganzes.

Die Vertriebenen und ihre Nachkommen sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dass dies mit dem Dokumentationszentrum und der daraus sich ergebenden Musealisierung dieses Nachkriegskapitels sichtbar bekräftigt werden kann, zählt zu den glücklichen Ereignissen der bundesdeutschen Geschichte.

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