Bayern-Wahl : Das Ende des "bürgerlichen Lagers"

Das Volk sehnt sich nach Politik. Warum ein Begriff reaktiviert wird, der doch längst ausgedient hat.

Tissy Bruns

Nach der Wahl waren sie wieder zu besichtigen, die traurigen Folgen der Umfragedemokratie: Sie macht aus Politikern Rechner, die eins und eins addieren wie die Milchmädchen. Man muss nur fleißig zusammenzählen, was gerade auseinandergefallen ist, dann hat das bürgerliche Lager aus CSU, FDP, Freien Wählern genauso viele Stimmen wie zuvor die CSU. Folglich steht die bürgerliche Mehrheit in der Bundesversammlung und bleibt die bürgerliche Koalition bei der Bundestagswahl möglich.

Tröstliche Gedanken. Tatsächlich ist es schon seit Jahren nur noch Fiktion: das „bürgerliche Lager“. Die Bayern haben das am Sonntag in aller Form besiegelt. Dort immerhin war sie noch lebendig, die Hegemonie einer christlichen Partei, die das Bürgerliche für sich reklamieren und andere politische Kräfte unausgesprochen exkommunizieren konnte aus der Welt der bürgerlichen Kreise. Vorbei: Wenn die Vorherrschaft zerfällt, liegt der Begriff auf der Straße. Und jeder kann danach greifen. Das ist, nebenher, der Reiz des unrealistischen grünen Gedankenspiels von einer Koalition aller Parteien ohne CSU.

Unternehmergeist, akademische Bildung, religiöse Grundierung, heile Familie, gute Manieren – über Jahrzehnte hat dieser Kanon die marktliberale, christlich-soziale und konservative Strömung in den Unions-Parteien verbunden und getragen. Von dieser Plattform aus war die Beamten- und Apothekerpartei FDP der natürliche Koalitionspartner der Union und die „bürgerliche“ Konstellation in der Geschichte der alten Bundesrepublik der Normalfall.

Den Begriff konnte sie für sich behaupten, nicht, weil das andere Lager unbürgerlich, sondern weil es der Ausnahmefall war. Willy Brandt wurde noch mit seiner unehelichen Geburt traktiert. Helmut Schmidt galt schon zu seiner aktiven Zeit als ausgesprochen bürgerlicher Politiker. Nur die Jusos wirkten schlecht erzogen.

In der neuen Bundesrepublik haben längst grüne Bürgerkinder mit der SPD als neue Mitte das Land regiert. Die PDS-Abgeordneten aus dem ostdeutschen Bildungsbürgertum kennen die deutsche Literatur besser als die Jüngeren in der FDP oder der CDU. Die vormalige Proletarierpartei SPD ist seit Jahren im gleichen Maß verbürgerlicht, wie in den C-Parteien die guten Manieren gelitten haben. Eine schwarz-grüne Koalition in Hamburg huldigt einem verlotterten Pragmatismus wie die rot-rote in Berlin einem demonstrativen Polit-Hedonismus.

Vor allem aber: Es ist die CDU-Vorsitzende Angela Merkel selbst gewesen, die mit dem Leipziger Parteitag 2004 das historische Bündnis der geistigen Strömungen in der Union beendet hat. Mag sein, dass es für die neuen Zeiten nicht mehr taugt, so wie Godesberg der SPD keine wirkliche Richtschnur mehr sein konnte.

Das Volk, könnte man nach Bayern optimistisch sagen, sehnt sich nach Politik. Nicht nach Politikern, die ihm stattdessen hohle Formeln andrehen wollen.

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