Bayreuth : Ewig währt am längsten

Entscheidung bei den Wagners in Bayreuth: Der Grüne Hügel kreißte und gebar – nein, keine Maus, sondern ein Tandem, das von nun an über Deutschlands berühmteste, bizarrste Kulturinstitution gebietet. Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, Urenkelinnen des Komponisten, tragen den Sieg davon; nicht unerwartet.

Rüdiger Schaper

Der Grüne Hügel kreißte und gebar – nein, keine Maus, sondern ein Tandem, das von nun an über Deutschlands berühmteste, bizarrste Kulturinstitution gebietet. Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, Urenkelinnen des Komponisten, tragen den Sieg davon; nicht unerwartet.

Es war eine schwierige, langwierige, in aller Öffentlichkeit ausgetragene Niederkunft. Ein Erbfolgekampf mit Intrigen, Spekulationen, Rochaden, Hinhaltemanövern und mehr oder weniger gelungenen Theatercoups. Ein Walkürenritt. Bayreuth, der deutsche Buckingham-Palast, hat höchsten Unterhaltungswert bewiesen, die Wagners sind unsere Windsors und Sopranos. Dass die Entscheidung an einem 1. September fallen musste, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen und Beginns des Zweiten Weltkriegs, mag Zufall sein. Aber das Datum erinnert an die schlimme Rolle, die Richard Wagners Nachkommen im Nationalsozialismus spielten.

Zeit – das ist hier das Zauberwort. 57 Jahre lang hat Wolfgang Wagner die Festspiele beherrscht, der fränkische Sonnenkönig. Bayreuth, das war er. Er hat die braune Altlast abgetragen, das heilige Haus der Gegenwart geöffnet und des Urvaters grundmoderne Idee vom Gesamtkunstwerk – oft genug mit Skandal – radikalen Neuformulierungen ausgesetzt. Aber geht es um Oper, geht es um Richard Wagner und die Kunst, wenn die Welt fasziniert auf Bayreuth starrt wie in den letzten Wochen und Monaten?

Die kleine Stadt am Roten Main erfüllt und befördert jene halbreligiösen Fantasien, die man mit Ewigkeit verbindet – mit der morbiden Erhabenheit einer auf nichts als Töne und Mythen gegründeten Dynastie. Ewig währt am längsten, meinte einst Kurt Schwitters. Dessen „Merzbau“ war ein dadaistischer Gegenentwurf zu Richard Wagners hochfahrend-archaischem Weltgebäude germanischer Nation. Wagners Vision ist aus härtestem Holz; so hart wie die Bestuhlung auf dem Grünen Hügel.

1876 wurde das Bayreuther Festspielhaus mit der Uraufführung des „Ring des Nibelungen“ eröffnet. Wenige Jahre zuvor betrat eine Partei namens SPD die politische Bühne, gründete sich die Dresdner Bank. An diesen deutschen Daten lässt sich der lange Atem der Wagnerianer ermessen. Die Dresdner Bank, wie so viele andere Traditionsunternehmen – verkauft. Die SPD – verratzt zwischen kleinen und großen Koalitionen. Goethe vielleicht noch? Der hat sich in Weimar auch ein hübsches Städtchen unter den Nagel gerissen, doch Dichtung und Wahrheit sind am Ende doch nicht so universell wie Musik. Musik und Mythos.

Deshalb schlägt Bayreuth so viele in seinen Bann – Menschen, die nie dort waren und gar nicht daran denken, sich auf die jahrelange Warteliste zu setzen. Bayreuth ist Oper selbst für Opernhasser. Weil in einem Kinodrama wie „The Dark Knight“ mehr Wagner steckt als in irgendeiner zeitgenössischen Bühnenkomposition. Wagner ist Opium auch für diejenigen, die nie davon gekostet haben. In der Dämmerung erkennt man die Götter.

Der Grüne Hügel – Schicht auf Schicht liegen dort Hochamt und Boulevard, Familiendrama und Erlösungsversprechen. Daran wird der allfällige Regime- und Regiewechsel wenig ändern.

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