Meinung : Beck, Gabriel, Wowereit: die drei Tenöre der SPD

Roger Boyes, The Times

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Neulich war ich wieder einmal bei Ivo, um ihn verbotenerweise mit Leibnizkeksen zu füttern. Die Boulevardpresse hatte sich immer über meinen Lieblingsgorilla lustig gemacht, weil er aus – durchaus verständlicher Sicht – keine Lust auf Sex in der Öffentlichkeit hatte. Aber für mich bleibt er der wahre Held des Berliner Zoos, eine Art haariger James Dean, der sich nicht einschüchtern und sich nicht zum Gefangenen anderer Leute Erwartungen machen lässt. Was mich am meisten beeindruckt, ist die Sparsamkeit seiner Bewegungen, seine Fähigkeit, einen von einem netten Menschen über den Graben geworfenen Keks zu erkennen, ihn zu fangen, zu beriechen und schließlich in den Mund zu schieben, ohne sich dabei von seinem gemütlichen Platz auf den Steinen wegzubewegen.

So was war einmal das Vorbild für Politiker. Helmut Kohl ermunterte Teilnehmer von Nato- und EU-Konferenzen, ins Interconti in der Budapester Straße zu ziehen, damit er heimlich dem Affenkäfig einen Besuch abstatten konnte. Gibbons zu beobachten, lenkte ihn ab. Ihre kurze Konzentrationsspanne und ihr obsessives Bedürfnis nach Aufmerksamkeit machten sie zu einer politischen Metapher. Aber er mochte die Affen auch. Es gibt im Zoo sogar eine Statue von Bobby, dem viel zu früh verstorbenen Gorilla, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Kohl aus den Kreml-Saunatagen aufweist.

In England war uns Kohls immenser Hunger und sein außergewöhnliches Gewicht (natürlich ein Staatsgeheimnis, aber britischen Spionen zufolge etwa 126 Kilogramm) immer ein Rätsel. Woher diese Ausdauer bei einem Mann, der das Äquivalent von sechs bis zur maximalen Zulässigkeit beladenen Flugzeugkoffern mit sich herumschleppte? Wie war es einem Politiker, der zwei Putins in seine weite Hose stecken könnte, möglich, so gewitzte Politiker wie Thatcher und Mitterrand zu überlisten? Bedeutet Fett nicht langsam? Kohl gedieh und gewann seine Schlachten zur Überraschung der europäischen Politiker und Ärzte.

Kohl war aber offensichtlich der letzte seiner Art, ökologisch so gefährdet wie der Gorilla oder Panda. Schwere Politiker gelten heute normalerweise als provinzielle Tölpel. Heute ist Politik global, nicht provinziell, und politische Mittagessen bestehen aus Fruchtsalat, der im Büro gegessen wird. Nach Jelzin kam Putin, der schwere Clinton wurde ersetzt durch den dünnen und fitten George W. Und Schweden hat gerade den Letzten der nordischen Dicken, Göran Persson, durch jemanden ersetzt, der Langlauf macht.

Es gibt jedoch eine Ausnahme zu dieser fettarmen Revolution. Die SPD hat drei (mehr nicht) große Talente: Kurt Beck, Sigmar Gabriel und, ja, Klaus Wowereit – die drei Tenöre (obwohl auch die echten drei abgespeckt haben) der deutschen Linken. Zusammen wiegen sie etwa 300 Kilo, das Gegengewicht von 1,5 Gorillas. Einer von ihnen wird der nächste Kanzlerkandidat der SPD sein und, gewinnt diese die Wahlen, sollte die Flugbereitschaft der Luftwaffe lieber einen breiteren Sitz für den neuen deutschen Kanzler installieren. Kohl, erinnere ich mich, brauchte zwei Anschnallgurte.

Die Frage ist folgende: Sind dicke Menschen noch wählbar? Die Kampagne gegen Übergewicht ist so erfolgreich, dass dicke Menschen heute nicht mehr als wohlhabend (Ludwig Erhard), unterhaltsam (F. J. Strauß) oder vertrauenswürdig (Helmut Kohl) angesehen werden – sondern vielmehr als willensschwach. Ganz ehrlich, mir gefallen dicke Politiker besser (Lafontaine, der nicht laufende Fischer), weil sie den Eindruck vermitteln, als ob sie das Leben oder wenigstens das Essen genießen. Aber ich komme nicht gegen den Zeitgeist an. Alle Gorilla-Freunde sollten deshalb die Gürtellinien der drei SPD-Tenöre beobachten. Bald schon werden sie abspecken, um Stimmen zu gewinnen. Beck wird dann Kohlsuppe schlürfen, Gabriel die Treppen zu seinem Büro hochlaufen.

Ich aber setze auf Wowereit. Ich sah ihn vor kurzem in meinem Fitnessstudio, als er wie ein Karrengaul auf dem Laufband stampfte und CNN schaute. Das macht keiner, dem die muffige kleine Senatspolitik ausreicht. Jeder, der die SPD aus Bewunderung für Wowereit gewählt hat, sollte den Kilostand des Regierenden im Auge behalten. Je dünner er wird, desto eher verlieren wir ihn an die Bundespartei. Jetzt, da die Wahlen vorbei sind, haben nur noch die Zahlen Gewicht: die auf der Waage.

Übersetzt von Moritz Schuller.

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