Meinung : Befreiung von der Niederlage Deutschland ging nicht erst am 8. Mai 1945 unter

Robert Leicht

Ob Reisen wirklich bildet – wer weiß? Jedenfalls sorgt es für Perspektivenwechsel. Vor einem Jahr verbrachte ich die Tage um den EU-Beitritt der zehn neuen osteuropäischen Mitgliedsländer auf einer Reise zwischen Passau, Wien, Bratislava und Budapest. Aus dieser Perspektive schwanden die Bedenken gegen die Erweiterung zu kleinlichen Mäkeleien – jedenfalls dann, wenn man sie ins historische Verhältnis setzte zu der faszinierenden Rekonstruktion Europas unter Einbeziehung der ostmitteleuropäischen Menschen und Kulturen. Nun aber, vor dem 60. Jahrestag des Weltkriegsendes, eine Reise nach Breslau und Niederschlesien.

Natürlich auch ein Besuch auf dem früheren Gut Kreisau, der heutigen Gedenk- und Begegnungsstätte. Die Erinnerung an den deutschen Widerstand und den 20. Juli 1944, an das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler – sie liegt nur zu nahe. Dann aber doch auch die Gleichzeitigkeit der Gegensätze. Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800 – 1891) bekam Kreisau als Dotation für seine militärischen Leistungen in den deutschen Einigungskriegen gegen Österreich und Frankreich. Hier liegt sein Grab.

Nur gut 70 Jahre später setzte sein Großneffe Helmuth James von Moltke – als er an diesem Ort drei Treffen des Kreisauer Kreises initiierte – sein Leben ein, um den moralischen und politischen Untergang eben dieser machtvollen Gründung des deutschen Nationalstaats zu verhindern. Ein Ort also des doppelten Blicks auf den ersten deutschen Nationalstaat: zunächst auf seine militärische Durchsetzung in der Mitte Europas; schon die Vorbereitung dazu, nämlich das Drama der Etablierung der späteren deutschen Einigungsvormacht Preußen im europäischen Mächtesystem, hatte mit der Eroberung dieses Landstrichs durch Friedrich den Großen seinen Ausgang genommen. Sodann der Blick auf das späte Aufbäumen und Scheitern des Widerstands gegen Hitlers – nein, nicht schon gegen seine Großmachtpläne, sondern gegen seinen rücksichtslosen Durchhaltewahn, der alles aufs Spiel setzte: Moral und Macht, Volk und Staat.

Aus dieser Doppelperspektive wirkt die deutsche Frage, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage oder der Befreiung gewesen sei, ziemlich eng. Denn die deutsche Niederlage hatte schon längst zuvor stattgefunden! Der moralische Niedergang im Inneren allerspätestens seit den Röhm-Morden von 1936, im Äußeren spätestens mit dem Beginn des verbrecherischen Eroberungskrieges 1939.

Und auch die militärische Wende war seit Stalingrad besiegelt. Aber das war eben das wahre Kennzeichen der zynischen Herrschaft Hitlers gewesen: dass er seinem Volk nicht einmal die schlimmsten Folgen eines verlorenen Krieges ersparen wollte. Nach dem erfolglosen Attentat vom 20. Juli 1944, also in den letzten neun Monaten vor dem 8.Mai, fielen dem Zweiten Weltkrieg noch einmal so viele Menschen zum Opfer wie in den Jahren zuvor.

Das Schicksal der niederschlesischen Hauptstadt Breslau ist ein besonders drastisches Beispiel für diesen von den Nazis ausgerechnet an Friedrich dem Großen, dem Eroberer Schlesiens, ausgerichteten „Durchhaltewillen“, der nichts anderes gewesen war als die brutale, opferreiche Verweigerung der Einsicht, dass das Spiel längst verloren war: In den letzten Kriegsmonaten noch wurde sie – ohne militärische Struktur und Perspektive – zur „Festung“ erklärt; und erst dieser Wahnsinn führt in ihre nahezu totale Zerstörung.

Der 8. Mai 1945, das war, wenn man sich dies alles vor Augen hält, nicht die Alternative: Niederlage oder Befreiung. Es war nur noch die Befreiung von den Unheilskräften, die ihre schon gen Himmel schreiende, lodernde, qualmende und stinkende Niederlage verleugneten – koste es, was es wolle.

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