Meinung : Begabung muss gefördert werden

„Keiner wird dumm geboren“

von Hartmut Wewetzer vom 22. August

Mutig finde ich es, sich entgegen dem ideologischen Trend zu der Meinung zu bekennen, dass es eine vererbte, also angeborene Intelligenz gibt. Was jedermann für künstlerische und sportliche Bereiche selbstverständlich anerkennt, dass nämlich nur besondere Begabung, Talent, ja Genie zur Spitzenleistung führt, war im kognitiven Bereich ein Tabu: Die geistige Leistung jedes Kindes sei nur abhängig von der Förderung, die ihm zuteil werde. Daher auch der Gedanke, dass jedes Kind in jedem Schultyp mithalten und die höchsten Abschlüsse erzielen könne.

Nun beginnt in diesem Artikel ein noch vorsichtig formuliertes Umdenken mit der Schlussfolgerung , dass vielleicht das Bildungsgefälle von Nord nach Süd, wie es sich in den verschiedensten Bildungsvergleichen widerspiegelt, auf eine unterschiedliche Begabungsverteilung zurückzuführen ist. Aber man kann, gerade wenn man des Autors eigener Argumentation folgt und Milieu, kulturellen Hintergrund und Umwelt als Voraussetzung für die Entfaltung der Begabung für unentbehrlich hält, zu der genau entgegengesetzten Annahme gelangen: Dass nämlich ererbte Begabung in ganz Deutschland gleichmäßig verteilt ist, aber die solidere Förderung in den südlichen Bundesländern ein größeres Potenzial erschließt, u. a. auch durch die Pflege sekundärer Tugenden wie Disziplin, Fleiß, Zuverlässigkeit, Leistungswille etc.

Wenn erst einmal vorbehaltlos anerkannt wäre, dass die Natur ihre Gaben auf allen Gebieten ungerecht verteilt, könnte man in größerer Freiheit und ideologischer Unabhängigkeit wirklich jedes Kind nach seinem Bedarf fördern, ohne es in eine schulisch wie auch immer geartete Zwangsjacke zu pressen, der man dann mit der vermaledeiten Nachhilfe wiederum begegnen muss!

Was in diesem Artikel als neue Erkenntnis gepriesen wird, liest man bei Franz Werfel im Roman „Der Abituriententag“ so: „Mit Reichtum und Namen aber waren die Finessen des Glücks noch lange nicht erschöpft. Gott hatte nicht nur das Geld auf unbegreifliche Weise verteilt, sondern auch das Gedächtnis. Komarek August konnte soviel büffeln, stucken, ochsen als er mochte, er merkte sich, er verstand kaum einen Bruchteil des Lehrstoffs. Fischer Robert hingegen, der aus nicht viel besseren Verhältnissen stammte als er, erfaßte den Binomischen Satz beim ersten Hören.“ Es ist eben traurig, dass es so viele August Komareks gibt, denen unsere Gesellschaft nicht immer gerecht wird und die oft zu Unrecht diskriminiert werden.

Hella Schacher, Berlin-Zehlendorf

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