Meinung : Beginn einer wunderbaren Freundschaft

1914 erklärte Deutschland Frankreich den Krieg – heute wäre das undenkbar

Bernhard Schulz

Heute vor 90 Jahren erklärte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg. Ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich – kaum etwas könnte aus heutiger Sicht ferner liegen. Die deutsch-französische Freundschaft ist so selbstverständlich geworden, dass sie im Alltag keiner Erwähnung mehr bedarf.

Wie anders im August 1914. Die Kriegserklärung an Frankreich war, nach der damaligen Logik von Militär und Politik, nicht zu vermeiden – sie war vielmehr die automatische Folge der zwei Tage zuvor erfolgten Kriegserklärung an Russland. Dieser Automatismus war vorgezeichnet im Schlieffen- Plan, dem Aufmarsch- und Schlachtplan des früheren Generalstabschefs Alfred von Schlieffen. Seine Doktrin bestimmte unverändert das militärische Denken: Im Falle eines europäischen Konflikts musste zunächst Frankreich in einem Blitzfeldzug geschlagen werden, um dann das Gros der Truppen gegen das – fälschlich – als schwerfällig angesehene Russland zu führen.

Deutschland und Frankreich waren „Erzfeinde“. Westlich des Rheins wurde die Schmach des Verlusts von Elsass-Lothringen im Krieg 1870/71 zunehmend stärker empfunden. Das französische Bündnis mit Russland – dessen Aufrüstung zumal mit französischen Krediten finanziert wurde – und die Verlängerung der Wehrpflicht von zwei auf drei Jahre galten in der Reichshauptstadt als Vorboten eines drohenden Angriffs. Die Logik der Militärs kannte nur eine Reaktion: den Präventivschlag.

„Erzfeinde“ blieben die beiden Staaten, blieben beide Nationen über das Ende des Ersten Weltkriegs hinaus. Im Zweiten feierten die deutschen Truppen den Sieg, den sie im Ersten nicht erringen konnten, um wenig später selbst im Hitlerschen Welteroberungswahn unterzugehen. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs erlosch endlich die von der Politik genährte Feindschaft. Die junge Bundesrepublik erkannte es als ihre raison d’être, neben der engen Beziehung zur amerikanischen Schutzmacht diejenige zu Frankreich zur zweiten Säule ihrer Außenpolitik zu machen. Das, nebenbei, führte in der AdenauerZeit gelegentlich zu Kontroversen zwischen „Atlantikern“ und „Gaullisten“.

Die zentrale Rolle beider Länder bei der Gründung der „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (heute EU), Adenauer und de Gaulle 1962 beim Festgottesdienst in der Kathedrale des im Ersten Weltkrieg hart umkämpften Reims, bald darauf der Freundschaftsvertrag; 1984 dann die Versöhnungsgeste von Bundeskanzler Kohl und Staatspräsident Mitterrand über den Schlachtfeldern von Verdun: Das waren Meilensteine der deutsch-französischen Verständigung. Dass der Weg zur schlussendlichen Vernunft, zur Erkenntnis der Schicksalsgemeinschaft von Millionen Opfern gesäumt wird, ist darüber ist aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden.

Der Erste Weltkrieg wurde zu einem erheblichen Teil auf französischem Territorium ausgefochten. Marne, Verdun, Somme: Namen von Schlachten, deren jede Hunderttausende Opfer forderte; insgesamt zwei Millionen Soldaten auf deutscher und 1,4 Millionen auf französischer Seite. Heute vor 90 Jahren nahm das Unheil seinen Ausgang, aus keinem besseren Grund als der beschränkten Logik von Generalstabsplänen.

Die deutsch-französische Freundschaft ist weit mehr als ein Zweckbündnis. In ihr besteht – emphatisch gesprochen – der einzige Sinn, der sich dem Blutvergießen an der Westfront abringen lässt. Sie ist ein Grundpfeiler für das Weiterleben Europas, des Kontinents, der sich vor 90 Jahren blindwütig an seine Selbstzerstörung machte.

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