Meinung : Behaarte Brust und gute Zähne

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Von Pascale Hugues

Und wie wirken die beiden Kandidaten auf eine Französin, haben sie Sex-Appeal? Das ist eine Frage, die man weder Engländern noch Amerikanern zumutet. Aber mir.

Es ging dann ganz gut los. Ich hatte mich häuslich vor dem Fernseher eingerichtet und kam allmählich in Schwung – beim Porträt Gerhard Schröders in der ARD. Toller Mann, gut angezogen, liebt die Menschen, die Frauen lieben ihn. Dazu die Musik: lustvoll, sentimental… Der ist es, nicht der andere.

Donnerstag Morgen, 8 Uhr 30. Ich fahre den Computer hoch und bekräftige mein Urteil vom Vorabend. Stoiber ist wirklich kein Mann, der mich inspiriert. Sein Auftreten – als habe er einen Regenschirm verschluckt; die Leidenschaft für Salbeitee; der Trachtenhut mit Feder, den er bei passender Gelegenheit trägt. Und überhaupt: Ein Mann, der seine Frau Muschi nennt, ohne jeden sexuellen Nebensinn, hat sich in Sachen Sex-Appeal von vornherein disqualifiziert. Gut, man könnte die phänomenale Naivität beinahe als rührend empfinden. Aber ich hatte ja schon, als ich erfuhr, dass Chirac seine Frau Bernadette „meine Schildkröte“ nennt, geglaubt, das sei der Gipfel des Grotesken.

8 Uhr 45. Das Telefon reißt mich aus meinem unlösbaren Dilemma. Die Schule meines Sohnes: Er hat Bauchweh. Können Sie ihn abholen? Computer abschalten, Fahrrad aufschließen, los geht’s. Der Kleine thront im Sekretariat, ein wenig blass. Gerade eingeschult, versuche ich zu erklären, 7 Uhr aufgestanden, viel zu spät ins Bett, die Anstrengung… hopp, nach Hause!

Als wir ankommen, ist der Kleine jäh gesundet. Die Nachbarn über uns ziehen ein. Seit zwei Tagen gleitet ein Lastenaufzug direkt vor meinem Computer auf und ab, hält im vierten Stock – und jedes Mal, wenn die Plattform bereit zur Abfahrt ist, ertönt ein lautes Quietschen und unterbricht meine leidvollen Gedanken. Außer der Fürstin von Thurn und Taxis findet niemand Stoiber sexy. Ich entscheide mich definitiv für Schröder. „Schröder? Ja, haben Sie denn seine Riesenohren nicht bemerkt“, entsetzt sich ein (bayerischer) Kollege am Telefon. Auch meine französische Heimatredaktion verunsichert mich. „Du willst sagen, er hat den Charme eines Parvenus?“ – „Also, zu klein finde ich Schröder nicht“, berät mich eine spanische Kollegin. „Uns Südeuropäerinnen bereitet eher der deutsche 1,90-Meter-Riese Probleme.“ – „Ach, diese blauen Augen“, souffliert eine andere Freundin.

Wie misst man den Sex-Appeal von Kanzlerbewerbern? Meine Großmutter, Jahrgang 1904, hatte eine radikale Lösung: „Die Hände und die Zähne, darauf kommt es bei Männern an.“ Trifft, was für Pferde gilt, auch auf künftige Kanzler zu? Eine Qual, diese Glosse.

Mittag. Unten auf dem Bürgersteig ist mein Junge im siebten Himmel. Von einem Berg aus Pappkartons herab bewundert er das Muskelspiel, die Tätowierungen, die entblößten, behaarten Brustkörbe unter den schweißnassen Hemden der Packer. Ich bin nicht die einzige, die dieses kleine Paradies nackter Männlichkeit betrachtet. Im ersten Stock hat die Nachbarin ihr Bügelbrett auf den Balkon gestellt. Im zweiten schauen die Zwillinge und ihre Mutter durchs Fenster zu. Und mein kleiner Kranker hat sich entschieden: „Maman, ich will Möbelpacker werden.“ Dagegen kommen Gerhard und Edmund nicht an.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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