Meinung : Bei dem, der fragt!

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Von Stefan G. Scheifele

WO IST GOTT?

Die Menschen, die Gott nach Gott fragen, tragen ihn bereits in ihrem Herzen. Klare Frage – klare Antwort? So einfach ist es nicht, denn der Mensch, der nach Gott fragt, will keine Schubladenantwort, sondern sucht vielmehr Worte, Szenen, Beziehungen, Geflechte und tragfähige Gerüste, alltagstaugliche Bilder und kein Sonntagsgeflüster. Der oder die Fragende verbindet unabhängig von einer vorhandenen Gottgläubigkeit mit dem Wort Gott etwas, was den fragenden Menschen selbst berührt.

Die Frage nach dem Ergebnis der gestrigen Begegnung von Hertha BSC gegen 1860 München kann klar beantwortet werden, hat eventuell etwas mit dem Leben des Fragenden zu tun, vielleicht berührt es ihn je nach Zugehörigkeitsgefühl auch, aber letztlich ändern wird sich dadurch in seinem Leben nichts.

Mit Gott und mit der Frage nach der Lokalität seiner Existenz ist es gänzlich anders, denn allein das Aussprechen des Wortes Gott kann nicht unbeteiligt geschehen. Probieren Sie es aus, jetzt, in diesem Augenblick! Das ist der entscheidende Punkt: Jeder Mensch verbindet mit dem Aussprechen Gottes etwas ganz eigenes, egal ob Ablehnung oder Zustimmung. Gott hat etwas mit der Biographie jedes einzelnen Menschen zu tun. Weil dies so individuell geschieht, gehört es beinahe verboten, ganz allgemein über Gott zu sprechen. Welche Worte vermögen die Komplexität dieser unzähligen Gottesbeziehungen zwischen jedem einzelnen Menschen und Gott auszudrücken? Dennoch sprechen viele berufene und unberufene Menschen von Gott, vergessen dabei oft, dass es keine Selbstverständlichkeit der Kenntnis Gottes gibt. Eine wirkliche Beziehung zu Gott kann es nur geben, wenn sie etwas mit der eigenen Biographie zu tun hat. Ein Gott, der mit meiner eigenen Biographie nichts zu tun hat, ist ein toter Gott.

Also, hinein in die eigene Lebensgeschichte, auf Entdeckungsreise! Wo ist da Gott? Sollten wir bei dieser Biographiereise ehrlich sein, dann stellen wir fest: Ein einheitliches Bild von Gott gibt es nicht. Sicherlich die vage Vorstellung aus den Kindertagen, Gott in großväterlicher Manier, die Ablehnung während der Pubertät, die intellektuelle Antwort der Studienjahre, Gottesbegegnung in den Schicksalsschlägen des Lebens?

Wenn überhaupt, können einem dabei nur Puzzleteile des Bildnisses Gottes in den Sinn kommen – Gott lässt sich nicht einrahmen, denn er weiß, ist er einmal in ein Bild fest eingefügt, stirbt die Beziehung zu ihm. Gott will aber nicht schon wieder sterben, sondern er will in und mit uns leben. Er will unsere Isolation durchbrechen, das Dunkle in uns erhellen und uns den Reichtum des Lebens erschließen. Wenn wir Gott in unser Leben lassen, ändert sich was darin – ganz bestimmt!

Der Autor ist katholischer Standortpfarrer in der Berliner Julius-Leber-Kaserne.

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