Meinung : „Bei den Grünen gibt es gute Leute“

Robert Birnbaum

Als Beruf gibt sein Lebenslauf „Student“ an, aber das soll man nicht so ernst nehmen. Philipp Mißfelder hat weit vor dem Examen das Studium der Geschichte zurückgestellt hinter die Einmischung in die Zeitgeschichte. Das Abgeordnetenbüro im Reichstag, das er im vorigem Herbst bezogen hat, passt ja auch besser zu ihm als die Studierstube an der TU Berlin. Wie kaum ein anderer Jungfunktionär vermittelt Mißfelder den Eindruck, quasi für die Politik geboren zu sein. Jedenfalls hat ihn der Ruf früh ereilt. Mit 14 trat er in die Junge Union (JU) ein, zwei Jahre später in die CDU. Im schwarzen Sauerland wäre derlei nicht verwunderlich. Mißfelder kommt aber aus der Diaspora im roten Ruhrrevier, aus Recklinghausen.

Diese Vorgeschichte mag zur Erklärung beitragen, weshalb der 27-Jährige das politische Spiel besser beherrscht als manches ältere Semester. Weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen, dazu begabt mit einem Gespür für taktische Möglichkeiten und Grenzen, hat der JU-Vorsitzende seit 2002 den CDU-Nachwuchs stets wahrnehmbar gehalten. Einmal hätte er die Grenze fast überschritten, als er in dieser Zeitung provokativ die Frage stellte, ob Hüftoperationen für Greise wirklich sinnvoll seien. Aber der Skandal hat ihn schlagartig bekannt gemacht und ihm am Ende sogar genutzt. Auch weil er sich nie scheute, vor zornigen Senioren persönlich sein Grundanliegen zu verteidigen. Mißfelder zählt nämlich in der CDU zu denen, die durchgreifende Reformen für unverzichtbar halten, schon aus generationeller Notwendigkeit. Für ihn und seine Altersgenossen ist nur sicher, dass die Rente nicht sicher ist und die Gesundheit auch nicht.

Wenn Angela Merkel am Sonnabend beim Deutschlandtag der JU in Wiesbaden auftritt, muss sie sich darum auf ein paar sehr unangenehme Fragen nach der Zukunftsfestigkeit der Gesundheitsreform einrichten. Zumal Mißfelder selbst schon hat wissen lassen, er werde dem großkoalitionären Kompromiss im Bundestag nicht zustimmen, falls nicht im Lauf der Gesetzgebung noch ein klares Signal in Richtung größerer Generationengerechtigkeit komme.

Eine Ankündigung, an der man andererseits wieder sehr schön erkennen kann, was den Vollblutpolitiker vom Rebellen unterscheidet. Mißfelder verfolgt die Interessen seiner Generation nachhaltig, aber ohne Illusionen darüber, was in der real existierenden Demokratie möglich ist. Da ist er ein Schüler jenes Helmut Kohl, den er als sein wichtigstes Vorbild nennt. Auch in Erinnerung an diesen Pfälzer warnt er seine Partei davor, den Pfälzer Kurt Beck zu unterschätzen – und plädiert für Annäherung an die Grünen. Schließlich soll die CDU auch dann noch eine reale Machtperspektive haben, wenn die Generation Mißfelder dereinst Kanzler werden will.

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