Meinung : Bei Mann und Frau

-

Von Christine RölkeSommer

WO IST GOTT?

In Talmud und Kabbala lehren uns die alten Rabbinen, dass Gott, als er den Menschen schuf, ihn zweigesichtig oder auch zweiseitig schuf. Diese Zweiseitig- oder auch Zweigesichtigkeit hatte schwerwiegende Folgen: Der Mensch kam mit sich selbst nicht zurecht. Im Buch Sohar liest sich das so: „Vielmehr bemühte er sich nicht um seinen weiblichen Teil und hatte keine Stütze an ihm, da dieser nur seine eine Seite bildete und sie rückwärts wie eines waren – so war denn der Mensch doch allein.“ Also fasste Gott den Entschluss: „Ich will ihm eine Hilfe (einen Beistand) ihm gegenüber schaffen (1. Mose 2, 16).“ Was man auch übersetzen kann als: Ich will ihm ein Gegenüber, das wie der Mensch ist, als Hilfe schaffen.“

Ob Gott nun, wie in Tora und Bibel, diese Hilfe aus einer Rippe (oder Seite) schuf, die er mit dem Fleisch des Menschen umhüllte, oder aber ob er, wie in Talmud und Kabbala, dieses zweiseitige, zweigesichtige Wesen auseinander sägte, so dass zwei herauskamen (und zugleich sieben – so der Sohar), das zu entscheiden bleibt jedem selbst überlassen; es mag schließlich davon abhängen, welche Vorstellung uns besser behagt. In jeder Lesart ist das Ergebnis, dass Gott den/die Menschen als ein Gegenüber schuf, was zugleich meint: als einander Zugewandte. Die, weil sie auf das Gegenüber als Hilfe angewiesen sind, zueinander finden sollen.

Denn, so der Sohar: „Der Allheilige, der Einheit ist, müht sich um die Einheit.“ Eine Einheit, die auch für die Vollendung der Schöpfung steht. Wie aber vollendet sich der Mensch, die Schöpfung Gottes, wenn nicht so, wie es im Sohar steht? „In der Stunde, wenn Mann und Weib sich finden in himmlischer Heiligkeit und in Richtung des Sinns zur Heilung, dann wird der Mensch vollkommen und kann eins genannt werden, ohne Makel seines Wesens.“

Wie aber heiligen wir uns? Nun, wenn Mann und Frau sich lieben, dann wandern ihre Finger, sie wandern über die Haut des anderen, sie verweilen, sie zerstreicheln die Angst, die verstreicheln den Schmerz, sie erstreicheln die Sehnsucht. Pore für Pore beginnt die Haut zu lächeln, wird weich und anschmiegsam. Sie wird so weit, dass der eine in die andere schlüpfen kann, unter die Haut. Man könnte auch sagen, so werden sie nicht ein Fleisch, sondern eine Haut. Einer in der Haut der anderen und gleichzeitig eine in der Haut des anderen. Da wissen Frau und Mann nicht mehr, wo die eine aufhört und der andere anfängt. Sie vergessen sich selbst und sind doch sie selbst so, wie sie es noch nie waren. Wenn Mann und Frau zu so himmlisch zärtlicher Einheit finden, dann kann es nicht anders sein: Dann ist Gott in ihrem Bett.

Seit ich das weiß, lese ich im Traktat Sanhedrin mit ganz anderen Augen, gänzlich anderen Sinnes: „Wenn ein Mann und eine Frau sich wirklich lieben, dann können sie sich ihr Lager auf der Schneide eines Schwertes bereiten; wenn ihre Liebe zerbricht, dann ist das beste Bett der Welt nicht groß genug.“ Dann hat Gott ihr Bett verlassen.“

Die Autorin ist Rechtsanwältin und studiert Judaistik und Islamwissenschaft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben