Meinung : …Belgien

Ruth Reichstein

Sicherlich ist jedem von uns schon ein Kassenzettel oder eine Quittung verloren gegangen. Das ist normal. Weniger gewöhnlich ist es, dass ein Vertrag über rund 50 Millionen Euro verschwindet. Genau das aber ist offenbar gerade in Belgien passiert – und zwar in der französischsprachigen Region, der Wallonie.

Doch ganz von vorn, denn die Geschichte ist – wie es sich für Belgien gehört – reichlich kompliziert: In diesem Sommer meldetet der private Veranstalter des Formel-1Grand-Prix von Spa Konkurs an. Er hatte im Sommer zu wenig Karten verkauft. Eine Neuauflage ist für ihn nicht zu schaffen. Also wäre die logische Konsequenz: ab 2006 kein Rennen mehr in Spa. Aber so einfach ist das in Belgien nicht. Denn der Boss der Formel 1, Bernie Ecclestone, hat nun einen Vertrag aus der Tasche gezaubert, der, wie es scheint, die Fortführung des Grand Prix bis 2010 garantiert – mit der finanziellen Beteiligung der regionalen Regierung. Konkret heißt es in dem Text von 2003: Entweder muss die Region das Rennen organisieren, oder sie muss jedes Jahr zehn Millionen Euro an Ecclestone bezahlen. Sozusagen als Ausfallgebühr.

Was zunächst wie eine Pleite im Sportzirkus wirkte, ist zu einem ausgewachsenen politischen Skandal geworden. Denn in der wallonischen Regionalregierung will niemand zugeben, den besagten Vertrag zwischen Ecclestone und dem staatlichen Unternehmen für Wirtschaftsförderung jemals genehmigt zu haben. Die regierenden Sozialisten und auch die Liberalen, die 2003 den zuständigen Wirtschaftsminister stellten, hüllen sich lieber in Schweigen und sagen gar nichts. Dokumente sind verschwunden. Einige Minister sprechen von Gedächtnislücken. Die Peinlichkeit klebt allen die Münder zu.

Trotzdem sind einige Details öffentlich geworden: Der ehemalige Wirtschaftsminister Serge Kubla hatte den Vertrag 2003 wohl genehmigt. Unsicher ist aber noch, ob die Regierung damals innerhalb von zwei Wochen eine Garantie gegeben hatte, die notwendig ist, damit der Vertrag rechtskräftig wird. Ecclestone will zu dem ganzen Durcheinander gar nichts sagen. Für ihn gilt der Vertrag, den er unter Verschluss hält, genau wie einen Brief, der ihm offenbar das Einverständnis der wallonischen Regierung zusichert. Und die nationale Regierung in Brüssel will sich vorerst auch nicht einmischen. Francorchamps sei schließlich eine regionale Angelegenheit, und eine Beteiligung am Rennzirkus sei wegen des knappen Haushalts sowieso nicht möglich.

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