Beppe Grillo : „Ein schönes Chaos – und nur aus Jux“

Der italienische Komiker Beppe Grillo, der "Michael Moore von Genua", mobilisiert die Massen.

Paul Kreiner

Für den ersten Teil des Satzes bekommt Beppe Grillo Zustimmung aus ganz Italien, die zweite Hälfte nehmen ihm Freund und Feind schon weniger ab. Wenn einer 300 000 Leute auf die Beine bringt und bei einer Tour durch Italien jeden Tag einige tausend mehr zu einer außerparlamentarischen, antipolitischen Fundamentalopposition um sich schart – was will er dann wirklich?

Seit sie den Showkünstler 1986 aus dem staatlichen Fernsehen verjagt haben, weil er die Regierung aufs Korn nahm – das war lange vor Berlusconi, aber Satire gilt in Italien immer schon als Majestätsbeleidigung –, zieht der 59-jährige Grillo als selbstständiger Politkabarettist übers Land. Gefürchtet wird er besonders für seine sachlich profunden Analysen. Und im Internet betreibt Grillo den am meisten gelesenen Blog Italiens. Jeden Tag klicken 200 000 Surfer seine Seite an, um scharf geschliffene, sarkastisch- apokalyptische Worte gegen die politische Klasse, gegen den Irakkrieg, gegen Wirtschaftskriminelle und Umweltfrevel zu lesen.

Nun hat Grillo, der „Michael Moore aus Genua“, seine Fans zum „Vaffa-Day“ geladen. Seither strömen sie, nicht nur elektronisch. Zu Tausenden recken sie den Politikern mit Zeige- und Mittelfinger das „V“-Zeichen entgegen, das in diesem Fall „vaffanculo“ bedeutet, „Leck mich am Arsch“, aber gleichzeitig immer noch „victory“: „Die Sieger sind wir.“ Grillo nennt die Parteien ein „Krebsgeschwür der Demokratie“. Die Politiker, diese Greise, säßen nur noch im Parlament, „um sich einen runterzuholen“. Er zeigt auf die 25 Abgeordneten, die wegen diverser Delikte rechtskräftig verurteilt sind, und die Menge tobt. Da muss doch mal eine Bombe rein, sagt der neue Volkstribun. Nein, so sagt er das nicht. Aber sich selbst bezeichnet er als „Detonator“. Er will den Laden zur Explosion bringen.

Italiens politische Welt ist in heller Aufregung, weiß aber mit Grillos Durchmarsch nichts Rechtes anzufangen. Eugenio Scalfari, der Chefredakteur der linksliberalen „La Repubblica“, sieht die Demokratie in Gefahr: Eine solche „Herrschaft der Masse und der Versammlungen“ sei immer nur „das Vorzimmer zur Diktatur“ gewesen: „Antipolitik – das war immer nur die Aufräumaktion für einen zukünftigen Diktator.“

Beppe Grillo lehnt einen persönlichen Einstieg in die Politik ab. „Ich kann nicht kandidieren, denn dann würde ich gewinnen. Und ich bin für die Diktatur.“ Grillo ist aber auch begnadeter Satiriker. Und wie versteht man einen Satiriker richtig? Paul Kreiner

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