Berlin-Debatte : Berlin ist provinziell – zum Glück

Die Stadt stellt sich nicht den Herausforderungen einer europäischen Metropole? Das muss kein Nachteil sein, wie das Beispiel Amsterdam zeigt. Dort hat sich das gesellschaftliche Klima verschlechtert.

Wierd Duk
Gleich als Thilo Sarrazin zum ersten Mal auf der Leinwand erscheint, gibt es Buhrufe und Pfiffe...Alle Bilder anzeigen
Foto: Paul Zinken
22.07.2011 22:59Gleich als Thilo Sarrazin zum ersten Mal auf der Leinwand erscheint, gibt es Buhrufe und Pfiffe...

„Times“-Korrespondent und Tagesspiegel-Kolumnist Roger Boyes hat in einem Essay Abschied von Berlin genommen und ist darin hart mit der Stadt ins Gericht gegangen. Ihm antworteten bereits der polnische Korrespondent Piotr Buras (7. Juli), der italienische Journalist Guido Ambrosino (5. Juli), der Sozialwissenschaftler Norbert Kostede (10. Juli), die auf Distanz zu Boyes’ These gingen, während Ernst Elitz, der frühere Intendant des Deutschlandradios in der Ausgabe vom 15. Juli mehr Leistung und weniger Bussi-Bussi in Berlin forderte. Heute greift der niederländische Journalist Wierd Duk in unsere Hauptstadt-Debatte ein.

Vor einiger Zeit drohte der niederländische Fotograf Erwin Olaf, er ziehe nach Berlin, wenn es in Amsterdam so weitergeht“. Ein Abschied von Olaf wäre ein großer Verlust für Amsterdam, denn er ist nicht nur ein großer Künstler, Olaf ist auch ein mutiger Mensch. Wäre Olaf tatsächlich fortgezogen, dann hätte er vielleicht noch Roger Boyes treffen können, der nun nach London zurückkehrt. Weg aus der deutschen Provinz.

Zwei Männer, zwei Welten. Wo Boyes sich beklagt über Berlins Rückzug aus den Realitäten des modernen Europas, über das gewollte Unvermögen, sich den Begleiterscheinungen einer beschleunigenden Welt zu stellen, da ist Olaf gerade von einigen dieser Begleiterscheinungen dermaßen irritiert, dass er mit dem Gedanken spielt auszuwandern.

Was ist wohl los in Olafs Amsterdam? Machen die Rechts-Populisten der Partei für die Freiheit (PVV) des blondierten Polit-Kometen Geert Wilders – die auf nationaler Ebene seit Oktober 2010 mitregieren – es einem gern provozierenden Künstler wie Olaf zu schwer? Sind die tiefgreifenden Sparmaßnahmen der Mitte-Rechts-Regierung im Kulturbereich der Grund für Olafs Wut? Nein. Olaf fühlt sich in Amsterdam nicht länger wohl, wegen der dort herrschenden Homophobie. Ich weiß, diese Aussage hört sich für die meisten Ausländer merkwürdig an. Amsterdam gilt ja seit ewig als Stadt der Coffeeshops, des Rotlichtmilieus, der Gay Parades und alles anderem Toleranten .

Das war einmal, da haben die „Realitäten des modernen Europas“, wovon Boyes spricht, einiges geändert. In Amsterdam trauen sich Homosexuelle wie Olaf heutzutage nicht, länger Hand in Hand zu laufen. Zu groß ist die Gefahr, von Jugendlichen marokkanischer Herkunft beschimpft, angespuckt oder sogar verprügelt zu werden. Übrigens: Wäre Erwin Olaf nicht ein kosmopolitischer Homosexueller, sondern ein Jude mit Kippa, dann wäre die Gefahr, in Amsterdams angegriffen zu werden, genauso groß.

Warum so viel über Olafs Amsterdam, wenn wir über die von Roger Boyes so bedauerten „Nachteile“ Berlins nachdenken wollten? Um das zu verstehen, müssen wir zurückgreifen auf das Oeuvre von Johan Cruijff. In den Niederlanden gilt Cruijffs, einer der größten Fußballer aller Zeiten, als eine Art nationaler Gott. Alles, was er sagt, hat Ewigkeitswert. So wurde seine Behauptung „Jeder Nachteil hat seinen Vorteil“ zum Bestandteil des niederländischen kollektiven Bewusstseins. Also auch von meinem.

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