Berlin : Die Hauptstadt der Niedrig-IQ-Verbrecher

Berlin ist die Hauptstadt der dummen Gauner. Jeder, der eine Machete hat oder einen Baseballschläger, denkt, er könne reich werden, indem er in einen Supermarkt spaziert und Geld verlangt.

Roger Boyes[The Times]

Manchmal denke ich wehmütig an die Brüder Sass, Franz und Erich. Natürlich nicht wegen ihres Berufes – undenkbar wäre in einer so respektablen Zeitung wie dieser ein Plädoyer für das Bankenüberfallen –, aber wegen der Präzision, mit der sie ihrer Arbeit nachgingen. Sie waren Meistereinbrecher und, mal ganz ehrlich: Es ist heutzutage fast unmöglich, noch echtes Meister-Werk zu bekommen, nicht einmal im kriminellen Milieu. Die Sass-Brüder: wie sie sich in den Tresorraum der Bank am Wittenbergplatz hineingearbeitet haben; ihre Tunnel; ihre perfekten Alibis; ihre einfallsreichen Verstecke in Moabiter Hinterhauswohnungen.

Solche Verbrecher gibt es heute in Berlin einfach nicht mehr. Berlin ist die Hauptstadt der dummen Gauner geworden. Jeder, der eine Machete hat oder einen Baseballschläger, denkt, er könne reich werden, indem er in einen Supermarkt spaziert und Geld verlangt. Düsseldorf hat clevere Immobilienhaie, Frankfurt Insiderdealer, München Hochstapler. Aber in Berlin kriegt man das kriminelle Äquivalent zu den intellektuell benachteiligten Kandidaten von „DSDS“. Vergangenen Monat zog ein Mann im KaDeWe eine Pistole und forderte einen Gutschein für seine Freundin. Bewaffneter Überfall (mindestens fünf Jahre Knast) für einen Gutschein? Nicht gerade das Verbrechen des Jahrhunderts.

Beim Pokerraub am Potsdamer Platz dachte ich kurz, dass wir es mit einem Überfall vom Ocean’s- 11-Kaliber zu tun hätten. Mein Puls ging schneller. Doch der Prozess belehrte mich eines Besseren. Da gab es einen jungen Mann namens Jihad (seine Eltern hatten offenbar Großes mit ihm vor), der sich beschwerte, dass er um zehn Uhr morgens geweckt wurde von dem, der ihm den Überfall vorschlug. Zehn Uhr! Da kann man Jihad doch nicht schon anrufen. Später treffen sich die Jungs bei McDonald’s auf einen Big Mac, wegen der Masken. Genug Handschuhe gibt es nicht, deshalb soll einer welche zum Abwaschen aus gelbem Gummi tragen. Er weigert sich, weil er nicht wie ein Idiot aussehen will. Recht hat er. Respekt! Kein Wunder, dass diese Clowns angeblich eine Tüte mit einer halben Million Euro zurückließen. Es war das typische Berliner Verbrechen, begangen von Leuten, die lieber im Wedding an einer Wasserpfeife gezogen und Mädchen hinterhergeschaut hätten.

Aber wenigstens haben sie es in Schlagzeilen geschafft und konnten das Geld länger als einen Tag lang verstecken. Die meisten Verbrecher in dieser Stadt schaffen das nämlich nicht. Erinnern Sie sich an die vier, die in ein Lagerhaus in Lichtenberg einbrachen, um Zigaretten und Viagra zu stehlen? Sie hatten übersehen, dass vor der Tür die Polizei parkte. Und in dieser Woche wollten drei Männer einen Spielautomaten knacken: Sie zogen ihre Masken vor der Videokamera auf. Vor dem Casino wartete bereits die Polizei.

Vielleicht haben diese Niedrig- IQ-Verbrechen etwas mit dem Berliner Schulsystem zu tun. Oder mit Darwin’scher Selektion. Weil in Berlin nicht wirklich etwas zu holen ist, verlassen die, die es ernst meinen, die Stadt Richtung Hamburg. Wir bleiben mit den Langsam-Denkern zurück. Das jedenfalls scheint für die politische Klasse zu gelten. Warum nicht auch für die Kriminellen?

Ich habe aber noch eine andere Erklärung. Die Verbrechen, von denen wir hören, sind nur die, die aufgeklärt wurden. Berlin hat zu wenige Polizisten. Wie die „BZ“ neulich berichtete, verfügt ganz Charlottenburg-Wilmersdorf (320 000 Einwohner, so viele wie Island) über drei Streifenwagen. Eine Nebenwirkung davon ist, dass Berlin wegen seiner niedrigen Kriminalitätsrate in den Ranglisten der städtischen Lebensqualität aufsteigt. Es gibt hier nicht einmal viele Morde, und die, die begangen werden, werden schnell aufgeklärt. Warum das so ist? Berliner Morde folgen immer denselben Mustern. Eifersüchtiger Ehemann bringt Frau um, Ex-Geliebte bringt Frau um, Ehemann bringt sich selbst um, frustrierter Sohn/ Neffe/Pfleger bringt Rentnerin wegen ihrer Ersparnisse um, Russe bringt Russen um. Das sind die einzigen Mordvarianten in dieser Stadt. Paul der Krake könnte den Mörder finden. Komplizierte Morde finden anderswo statt.

Dennoch gewinnt Berlin so den Ruf, über eine exzellente Polizei zu verfügen. Verbrechen werden aufgeklärt, die Schuldigen effizient nach Tegel oder Moabit geschickt. Wir aber kennen die wahre Geschichte. Wenn jemals wirklich etwas passieren würde, wie etwa die grausige Frauenzerstückelung in der Gegend um den Schlesischen Bahnhof in den 20er Jahren, würde die Berliner Polizei auseinanderfallen. Sie wurde kaputtgespart – ein Wort, das es so nur im Deutschen gibt.

Aus dem Englischen übersetzt von Anna Sauerbrey. Von Roger Boyes ist zuletzt erschienen: Ossi forever. Ein Roman aus der Provinz (Ullstein).

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