Berlin-Hype : Rau, proletarisch, zerrissen - und einfach wunderbar

Das schmucke Bonn, bonbonfarbenes Rathaus, eine lange entthronte Hauptstadt: Gegen Berlin hatte Bonn einfach nie eine Chance. Warum die Französin und Wahl-Berlinerin Pascale Hugues auf Formularen so gern "Berlin" bei Wohnort einträgt.

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Mon Dieu, le Fernsehturm! Bekenntnisse einer Franco-Berlinerin Foto: dpa
Mon Dieu, le Fernsehturm! Bekenntnisse einer Franco-BerlinerinFoto: dpa

Ja! Ich bin eine Berlinerin! Ich auch! Wie Kennedy! Und wie! Genau das hätte ich den Passanten am liebsten entgegengerufen, in dieser Woche in Bonn. Ich saß in einem Café auf dem Münsterplatz und beobachtete von meinem Fensterplatz aus das morgendliche Treiben in der entthronten Hauptstadt. Die tentakelartige Fußgängerzone, die Jugendstilgiebel an den schmucken Häusern, ganz nah das bonbonfarbene Rathaus, ein wenig weiter am Rhein der winzige Bundestag, ein Parlament für Liliputaner in einem gewöhnlichen Wasserwerk.

Damals war Deutschland ein politischer Zwerg. Diese Ministadt, glatt und niedlich, hatte genau die passende Größe. Wenn ich durch seine Straßen wandere, wirkt es so, als wäre Bonn seit dem Abzug der Politiker und ihres Hofstaats noch geschrumpft.

Was für ein Gegensatz zu Berlin: diese riesige Stadt, rau, proletarisch, zerstört, wieder aufgebaut, zerrissen, manchmal so hart, und an jeder Ecke durch seine gewalttätige Geschichte geprägt. Nicht wirklich schön und ganz bestimmt nicht adrett, unschuldig erst recht nicht, aber so stark. Ein Spiegel der deutschen Geschichte. Ganz anders als Bonn, das nur eine aus der Zeit gefallene Idylle abbildet.

Kann dieser Moloch im Osten Hauptstadt sein?

Erinnern Sie sich an die gewaltige Debatte, die Deutschland schon bald nach dem Fall der Mauer entzweite: Berlin oder Bonn? Bonn oder Berlin? Monatelang zerbrach Deutschland sich den Kopf und stellte sich Fragen, die uns heute, 22 Jahre danach, absurd erscheinen: Würde die Hauptstadt in ihren Vorkriegsmauern die alten Dämonen wieder zum Leben erwecken? Würde dieser Moloch nahe der polnischen Grenze nach Osten abdriften und Deutschland von Europa entfernen? In Frankreich war das Wort „Sonderweg“ in aller Munde. So viele Befürchtungen, die sich in Luft aufgelöst haben. Im Traum würde heute kein Mensch mehr die Entscheidung für Berlin infrage stellen. Am Tag der Bundestagsabstimmung habe ich gebebt. Nach stundenlangen Diskussionen, nach endlos erscheinendem Warten… am Abend endlich das Ergebnis: Berlin hatte das Duell gewonnen! Ich zog sofort um.

Wenn ich heute auf einem Formular meinen Wohnort angeben muss, schreibe ich gern mit einem begeisterten Schriftzug BERLIN in Großbuchstaben. Ich weiß, dass dieses Wort die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Augen der Zöllner fangen an zu leuchten, die Empfangsdamen in Hotels auf der ganzen Welt erschauern, und ich weiß, dass meine Strandnachbarn auf dem Handtuch nebenan ins Träumen kommen. Oh, Berlin… Bewundernde, manchmal sogar neidische Seufzer. Cool! Super ville! Keine andere deutsche Stadt kann im Ausland eine solche spontane Leidenschaft auslösen. Weder Hamburg, noch München, noch Frankfurt… und ganz bestimmt nicht Bonn. Dann erfüllt Berlin mich mit Selbstbewusstsein. Mit stolzgeschwellter Brust schwebe ich drei Zentimeter über dem Boden.

Welch Gefühle, wenn ich im Ausland ein B auf einem Nummernschild sehe!

Ein wenig fühle ich mich wie die Familienväter in den 70er Jahren, als man in den Ferien noch nicht so viel durch Europa reiste. Am Volant ihres Peugeot oder ihres Volkswagens hupten sie, sie ließen das Steuerrad los, um kräftig zu winken, wenn sie auf dem Peloponnes oder in Kalabrien ein Auto aus ihrem Land sahen. Guck mal, Franzosen. Schau, da, Deutsche! Es waren Landsleute, man teilte die Geschichte, die Sprache. Plötzlich fühlte man die gemeinsamen Wurzeln mit völlig Unbekannten, deren Silhouette im entgegenkommenden Fahrzeug man kaum ahnte. So weit weg von zu Hause war es beruhigend, ihnen zu begegnen.

Genau diese Gefühlsaufwallung überkommt mich, wenn ich auf einem deutschen Auto im Ausland ein B auf dem Nummernschild sehe. Ein Ausbruch von Lokalpatriotismus… etwas albern, aber mir wird warm ums Herz. Und wenn ich diese Woche auf dem Münsterplatz in Bonn einen Berliner getroffen hätte, dann hätte ich wohl Lust gehabt, ihm in die Arme zu fallen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Pascale Hugues liest am kommenden Freitag, 22. November, aus ihrem neuen Buch „Ruhige Straße in guter Wohnlage. Die Geschichte meiner Nachbarn“ (Rowohlt Verlag) im LabSaal in Alt-Lübars.

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