Meinung : Berlin nach der Wahl: Eine Stadt sucht ihre Mitte

Ja, der Vorhang ist zu. Und nun sind wirklich - wie es bei Brecht heisst - alle Fragen offen. Das zeigt die Heftigkeit, mit der die Debatte über die künftige Senatskoalition geführt wird. Denn die SPD hat mit Klaus Wowereit bei der Wahl zwar gesiegt, aber gewonnen hat, vor allem, die PDS. Und es setzt in der Tat ein Faktum, an dem man politisch nicht vorbeikommt, wenn in der (kleineren) Hälfte der Stadt eine Partei ihr hohes Stimmen-Niveau abermals erhöht, bis an den Rand einer absoluten Mehrheit heran. Da ist die Frage unabwendbar: Kann man die Stadt ohne eine solche Partei regieren?

Die Frage erzwingt die andere: Kann man die Stadt mit einem Bündnis regieren, das sein Schwergewicht derart in ihrem Ost-Teil hat? Eine SPD-PDS-Koalition bedeutete ja nicht nur einen Links-Ruck; das wäre noch, Mehrheit ist Mehrheit, in gehöriger parlamentarischer Folgsamkeit hinzunehmen - vernachlässigt man für einen Moment einmal die ideologische und historische Konterbande, die die PDS in eine Regierung einschleppen würde. Man muss auch nicht darüber spekulieren, was der eloquente Gysi mit dem Abwehrspieler Wowereit veranstalten würde. Aber diese Koalition brächte ein Ungleichgewicht in die Stadt. Der Westen bezöge seine Mehrheit aus dem Osten - ein Drittel Charlottenburg und Steglitz regierten mit reichlich Hellersdorf und Marzahn gegen den Rest von Berlin.

Ohnedies hat die Wahl die Teilung der Stadt bestätigt. In zeitgemäßer Nach-Wende-Form: einem Osten, in dessen politischer Struktur seine Monopol-Partei-Vergangenheit wieder aufscheint, steht ein aufgesplitterter Westen gegenüber - mit der zur west-berliner Stadtpartei gewordenen CDU als konservativem Rand. Die politische Mitte bleibt diffus. Dabei hat die SPD neben ihrem wieder gewonnenen Standbein im Westen auch einen Fuss im Osten - wovon sie, imerhin, ihren Führungsanspruch ableiten kann. Bloß reicht der nicht sehr weit. Er ändert jedenfalls wenig daran, dass die ost-westlichen Fliehkräfte in der politischen Geschiebelage Berlins überwiegen.

Aber was erwartet man eigentlich von einer Stadt, die so von den Zeitläuften gebeutelt worden ist wie dieses Berlin? Das nun mit seinen schwachen Kräften vereinigen soll, was ein halbes Jahrhundert nicht zusammengehörte, und wie kein anderes Gemeinwesen von den Widersprüchen und Dissonanzen dieses Prozesses getroffen ist? Alt-Berlin, West und Ost, und das neue Berlin, Dahlemer Villen-Milieu und Hellersdorfer Platten-Bescheidenheit, die alten Traumata und die neue, metropole Lockerheit: so viele Milieus, so gebrochene politische Fluchtlinien! Da liegt der Schluss nahe, die Stadt habe mit diesem Wahl-Ergebnis bekommen, was ihrem Ist-Zustand entspricht - eingeschlossen im Westen die Rache für die Arroganz der Macht, im Osten den Trotz, der seine Kraft zeigt.

In dieser politischen Landschaft mag die Ampelkoalition zwar vor allem als ein taktisches Bündnis zur Vermeidung der Mitregierung der PDS erscheinen. Aber SPD, Grüne und FDP bilden zusammen doch auch die politischen Milieus und Potenzen ab, die in Berlin heute so etwas wie Mitte darstellen. Eine Großstadtpartei, verankert im öffentlichen Dienst, eher bieder als dynamisch. Die verbürgerlichte Alternativ-Bewegung, genuines west-berliner Erbe, aber mit ost-berliner Spitzenkandidatin. Eine eher virtuelle Partei mit dem Anspruch auf neue Ökonomie, Flexibilität und ein bisschen Glamour. Mehr Mitte hat Berlin nicht, noch nicht. Darüber kann man klagen, darüber kann man spotten. Man tut der Stadt unrecht damit.

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