Berlin-Politik in 40 Jahren : Wo immer alles anders kommt

02.09.2011 14:02 UhrVon Jürgen Dittberner
Westberlin. Blick auf das Rathaus Schöneberg. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Westberlin. Blick auf das Rathaus Schöneberg. - Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ach Berlin! Was ist aus dir geworden? Jürgen Dittberner zieht nach 40 Jahren Politik in dieser Stadt Bilanz und lässt APO, Schwierzomper und Debatten um Kinderbauernhöfe und Stadtautobahnen noch einmal Revue passieren.

Vor genau vierzig Jahren ging ich „in die Politik“. 1971 war die „Außerparlamentarische Opposition“ in West-Berlin nicht verdaut. Berlin war Vier-Sektorenstadt, und es gab nur drei relevante Parteien: SPD, CDU und FDP. Der Regierende Bürgermeister war ganz oben, mit dem Kanzler in der gleichen politischen Liga. Ost-Berlin und die „SBZ“ waren dunkle Gebiete, von denen Bedrohung für die „Insulaner“ ausging. Der Weg zum Leben führte über die Transitwege nach Hof, Helmstedt oder Lauenburg.

Die Freie Universität galt als Topadresse der APO. Deren Studenten und Assistenten waren darauf stolz, die Professoren oft weniger. Zur FDP hatten mich Rudi Dutschke, Willy Brandt und Karl-Hermann Flach geführt.

Rudi Dutschke hatte den „Marsch durch die Institutionen“ propagiert, und die FDP war doch eine Institution. Willy Brandt war der Visionär mit dem „blauen Himmel über der Ruhr“ oder „mehr Demokratie wagen“, und Karl-Hermann Flach galt als Vater der „Freiburger Thesen“, mit denen die FDP auf sozial-liberalen Kurs gebracht wurde.

In der BVV Wilmersdorf gab es eine Kleiderordnung. Der Vorsteher bestand darauf, dass die Frauen in Röcken und die Männer in Schlips und Kragen erschienen. Und wenn der britische Stadtkommandant erschien, wurde er festlich empfangen und durfte auf der „Regierungsbank“ des Bezirksamtes Platz nehmen.

Beherrschendes Thema war die geplante Überbauung der Stadtautobahn an der Schlangenbader Straße. Der Investor hatte einen jungen Doktor aus Baden-Württemberg abgestellt, der das Projekt vorantreiben sollte. Er war bald der „König von Wilmersdorf“ und hatte das ganze Rathaus in die Tasche gesteckt. Da tat sich etwas Neues auf: eine Bürgerinitiative, die das Vorhaben – wie man heute sagen würde – „sozial verträglicher“ realisieren wollte. Die drei Parteien verkannten damals das politische Gewicht dieser Bürgerinitiative. Ein Grundstein der „Grünen“ war gelegt.

In Berlin gab es keine Bundeswehr – das hatten die Alliierten untersagt. Der Bundestag durfte keine hier gültigen Gesetze verabschieden; zu diesem Zweck trat das Abgeordnetenhaus regelmäßig zu „Übernahmesitzungen“ an, bei denen ohne Aussprache vom Bundestag Beschlossenes „übernommen“ wurde. Das politische Zentrum West-Berlins war das Rathaus Schöneberg, wo der „Regierende“ in einem Erker residierte. Davor, auf dem Rudolf-Wilde-Platz, fand regelmäßig Wochenmarkt statt. „Einfache“ Berliner, Abgeordnete und Senatoren labten sich gemeinsam an Currywürsten.

Wer sich für fortschrittlich hielt, wie auch die FDP, bekämpfte den „Radikalenerlass“. Damit sollten „Verfassungsfeinde“ aus dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden. Bewerber für öffentliche Ämter wurden in einer von Spöttern „Überwachung“ genannten Kommission überprüft. „Kommunisten“ und andere „Linke“ wurden aussortiert: Das alles war ein Irrweg, den man später verlassen hat.

Lesen Sie auf Seite 2: Der "Garski-Skandal" bringt die Stadt durcheinander

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