Berlinale 2012 : Die Wirklichkeit, neu ins Bild gesetzt

09.02.2012 10:23 Uhrvon
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Kaum ist das Neueste vom Tage vermeldet, schon gibt es einen Film dazu. Auf der diesjährigen Berlinale wird Politik zum Pop und das Kino entpuppt sich als Ort, der die Wirklichkeit neu ins Bild setzt.

Ägyptische Bloggerinnen, japanische Web-Aktivisten, Crowdfunding-Regisseure: Noch nie kamen so viele Protagonisten der neuen, schnellen Medien zur Berlinale. Wenn die 62. Filmfestspiele heute mit „Les Adieux à la reine“ eröffnen, einem Kostümfilm über die Anfänge der Französischen Revolution, dann passt das erst mal rein gar nicht. Auf Wiedersehen, Königin? Die gute alte Filmkunst, der Dinosaurier unter den Bildmedien, feiert sich ein letztes Mal selbst? Kein Geheimnis: Abseits vom Publikumsfestival Berlinale sinken weltweit die Zuschauerzahlen.

Dass mit Martin Scorseses 3-D-Märchen „Hugo Cabret“ heute zudem ein Film startet, der den Anfängen des Kintopp huldigt, passt nur zu gut. Das Ende vor Augen, besinnt man sich gern seiner Kindheit.

Noch hält das Kino tapfer durch – bei den großen Studios mit Bewährtem, 25 Sequels und Remakes allein in dieser Saison. Aber bei der Jugend, der Hauptkundschaft, hat es neben Facebook und Videospielen immer mehr das Nachsehen. Also nimmt es die Beine in die Hand.

Zum Beispiel auf der Berlinale. Arabischer Frühling, Fukushima, Ai Weiwei, Schuldenkrise, vernachlässigte Kinder – kaum ist das Neueste vom Tage vermeldet, schon gibt es Filme dazu. Die Berlinale-Stars, das sind nicht nur Angelina Jolie, Charlotte Gainsbourg und Meryl Streep, sondern auch die Rebellinnen aus Kairo und die Anti-Akw-Demonstrantin aus Japan: Politik wird Pop, Youtube generiert seinen eigenen Glamour.

Festivalchef Dieter Kosslick kündigt eine Berlinale der Aufbrüche und Umbrüche an. Auch das klingt nach Tempo. Aber es birgt eine Gefahr. Den Wettlauf mit dem Internet kann das Kino nicht gewinnen, auch nicht, wenn es die Wirklichkeit mit Fiktionen toppen will. Gegen die Hatz auf Osama bin Laden oder Gaddafis Tötung, wie sie online gestellt werden, haben Gewaltfantasien à la „Pulp Fiction“ das Nachsehen. Wobei der Thrill der Realität das Kino entlastet: Blutige Spektakel kann es sich künftig womöglich sparen.

Wie die Karten für die Berlinale weggehen - Ein Video:

Video: Berlinale Ticketverkauf - Video: Jana Demnitz

Bei den Dokumentarfilmen ist die Neugier auf Originalbilder vom Tahrir-Platz allemal groß, die Berlinale bedient sie. Aber was bringen Handy-Reißschwenks über Straßenschlachten? Ist es mit all den Berlinale-Diskussionen als Ergänzung getan?

Das Kino verrät sein Wesen, wenn es sich darauf beschränkt, Zeugnis abzulegen. Es entspringt mitten in der Gegenwart, aber es reichert sie an, mit Geschichte, Charakteren, Sehnsucht und Schmerz. Spannend wird die Wirklichkeit auf der Leinwand erst dann, wenn sie nicht die äußeren Krisenphänomene, sondern innere Erschütterungen ins Bild setzt. Viele Festivalbeiträge erzählen nicht von der Schulden- oder Klimakrise, sondern von der Krise zwischen den Generationen. Und die Kamera schaut nicht nur in die Gesichter der Helden, sondern auch in ihre Seele. TV- und Handy-Kameras können das nicht.

Das Kino braucht zwei Geschwindigkeiten: die Geistesgegenwart und das Innehalten. Anders als Youtube kann es die Realität im Nu zum Augenblick verdichten, zu einer Haltung, einer Ikone, einem Moment der Nähe. Das Theater oder die Literatur brauchen dafür mehr Zeit.

Ja, es sind unruhige Zeiten. Im Wettbewerb der digitalen Medien hat das Kino nur Chancen, wenn ihm die Symbiose aus neuester Technik und uralter Erzählkunst gelingt. Hellwach träumen: Schockmeister Scorsese tut genau das mit „Hugo Cabret“. Auch der Eröffnungsfilm der Berlinale wagt den Spagat zwischen den Zeiten: Occupy Versailles – ein guter Tag für die Zukunft des Kinos.

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