Meinung : Berliner Bauten – nur architektonisches Einerlei?

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„Abrechnung der Architekten“ vom 3. April

Es ist zu hoffen, dass beim Regierenden Bürgermeister die dringlichen Forderungen und guten Vorschläge renommierter Architekten und Stadtplaner Gehör und aktive Unterstützung finden, damit Stadtentwicklung in Berlin wieder Profil und metropolitane Qualität bekommt. Sicher sollten die Diskussionen über die bauliche Entwicklung der Stadt nicht einem geschlossenen Zirkel vorbehalten sein, sondern nach Münchner Vorbild für Journalisten ebenso offen sein wie für „Herrn Meyer“!

Hoffentlich orientiert sich die Diskussion dann weniger an Ideologien – Avantgarde oder kritische Rekonstruktion? – als am „genius loci“: Was für das Quartier Heidestraße angemessen ist, ist es nicht für das Tempelhofer Feld; was dem Alexanderplatz großstädtisches Flair verleiht,

ist für den Friedrichswerder voraussichtlich ungeeignet. Insofern wird es wohl nicht nur e i n Leitbild für ganz Berlin geben können.

Berlins Attraktivität liegt ja nicht zuletzt in dem unterschiedlichen Charakter seiner verschiedenen Stadtteile.

Das alle Überlegungen und Maßnahmen verbindende Element muss das Streben nach Qualität sein: keine drittklassige Investorenarchitektur mehr, schon gar nicht neben baulichen Ikonen wie dem Hauptbahnhof!

Ich wünsche mir sehr, dass der Tagesspiegel diese Diskussion weiter forcieren und begleiten wird.Carsten Meyer, Berlin-Prenzlauer Berg

Sehr geehrter Carsten Meyer,

ich stimme Ihnen zu. Eine öffentliche Diskussion über die Zukunft Berlins und seine bauliche Gestalt ist dringend nötig. Nach dem Fall der Mauer diente das Staatsratsgebäude, revolutionär umgewidmet, als öffentliches Bürgerforum zur Entwicklung eines städtebaulichen Leitbildes für die geteilte und wiedervereinigte Stadt. Heute fehlt ein solches Bürgerforum.

Nach zwei Jahrzehnten Wiederaufbau als Bundeshauptstadt wird – so verstehe ich die Kritik der Architekten und Stadtplaner – eine Perspektive für die kommenden zwei Jahrzehnte vermisst, ein städtebauliches Leitbild für die Weiterentwicklung Berlins als Metropole und Bürgerstadt. Soll das größte Entwicklungsgebiet der Stadt um den Hauptbahnhof als gemischtes Stadtquartier entwickelt werden oder in Verbindung mit dem neuen internationalen Großflughafen als Central Business District einer werdenden europäischen Wirtschaftsmetropole? Das ist auch, aber nicht nur eine Frage ästhetischer Gestaltung. Eines der größten und historisch bedeutendsten Gebäude der Welt – der Flughafen Tempelhof – steht leer. Sollen nur Papierdrachen auf einer großen Spielwiese an die Geburtsstätte der internationalen Luftfahrt erinnern? Der Neubau einer Zentral- und Landesbibliothek ist ein bürgerschaftliches Großprojekt – der Standort kein öffentliches Thema? Warum werden metropolitane Entwicklungsräume wie Mediaspree und das Umfeld des Hauptbahnhofs den Bezirken überlassen? Müssen nicht Gemeinwohl und städtisches Gesamtinteresse Vorrang haben, wenn Frosch- und Vogelperspektive auseinander streben? Wie beim Großflughafen BBI und seiner Zukunft als Drehkreuz. Oder will die größte deutsche Stadt Hauptstadt der Arbeitslosigkeit bleiben? Das Aufwerfen solcher Fragen ist keine „Abrechnung“, sondern Sorge um Berlins Zukunft. Niemandem fällt ein Zacken aus der Krone, der sich diesen Fragen stellt.

Die Kritik der Architekten aber trifft auch sie selbst. Nicht nur als Mitwirkende am Wiederaufbau Berlins, der auch dank der Wettbewerbskultur von Bund und Land eine Erfolgsgeschichte ist. Es ist die ideologische Zerstrittenheit der Berliner Architektenschaft, die lähmend wirkt. Wer von der Stadtregierung ein neues Stadtforum fordert und ein offenes Baukollegium, sollte auch untereinander und miteinander sprachfähig sein. Berlin lebt von der Einheit der Gegensätze. Das Postkartenbild des neuen Berlin ist das Duett der Türme am Potsdamer Platz, der steinerne von Kollhoff und der gläserne von Jahn. Es ist das Wechselspiel von Tradition und Moderne, das das neue Berlin prägt, die Wiederbelebung des historischen Stadtbildes mit Gendarmenmarkt, Museumsinsel, Schloss und Bauakademie einerseits, die neue Mitte der Hauptstadt vor dem Brandenburger Tor andererseits, keine Gewaltachse, ein freies parkartiges Spannungsfeld, der gläserne Hauptbahnhof als Nordpol, der Potsdamer Platz und seine Türme als Südpol, in der Mitte der Reichstag mit gläserner Kuppel, das Kanzleramt und der Bundestag – alles Bauten moderner Architekten internationalen Rangs. Wäre es nicht an der Zeit die Schützengräben zu verlassen und gemeinsam – „Stein-Fraktion“ und „Glas-Fraktion“ – sich an der Debatte um die architektonische und städtebauliche Qualität unserer Stadt zu beteiligen und je nach „genius loci“ die richtige Sprache zu finden?

— Florian Mausbach, Präsident des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung a. D.

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