Berliner Bewerbung für 2024 : Eine Vision für Olympia muss her!

Die Olympischen Spiele 2024 in Berlin? Die Hauptstadt könnte sich als kontinental-europäische Metropole in Szene setzen, in der in vielen Sprachen und Richtungen gesprochen und gedacht wird. Das wäre nicht nur ein Gewinn für Berlin und Deutschland.

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Warten auf die Spiele. Ein wenig Olympia ist ja schon da in Berlin – auch wenn es nur die Ringe und das Stadion sind.
Warten auf die Spiele. Ein wenig Olympia ist ja schon da in Berlin – auch wenn es nur die Ringe und das Stadion sind.Foto: Mike Wolff

Kaum ist das Olympiafinale in London triumphal verrauscht, erklingen in Berlin schon die ersten Rufe, die Sommerspiele im schönen Jahr 2024 doch bitte in die deutsche Hauptstadt zu holen. Und natürlich hört man prompt auch das ironische Gelächter. Ausgerechnet Berlin! Wo sie schon die Olympiabewerbung für 2000 provinziell platt in den Sand gesetzt haben und nicht einmal ihren Flughafen rechtzeitig auf die Reihe kriegen.

Schnell lässt sich da sagen: Besser nicht überall den Finger heben und den Mund aufreißen. Außerdem hatte der mögliche Konkurrent Istanbul noch nie Olympia zu Gast, und München ist für die Winterspiele 2022 noch eine Option, die Berlin wohl ausschließen würde. So ließe sich rechnen und rechten. Ganz abgesehen von allerlei Posten- und Proporzgeschiebe im Internationalen Olympischen Komitee.

Wie aber wäre es, wenn man mit dem Thema nur für einen gedanklichen Moment anders umginge? Nicht mit dem Bierernst der Funktionäre, nicht mit dem Größenwahn von Lokalpolitikern, aber auch nicht mit dem neuen Kleinwutgeist jener konservativen Kiezianer, die heute gegen jede größere Veränderung weltweit sowieso erst mal sind. Übrigens auch in London – vor Beginn der Spiele.

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Denken wir nur ein bisschen zurück voraus. Vor 40 Jahren haben die Sommerspiele in München nicht allein das zuvor unendlich viel engere bayerische Millionendorf zur heiteren Weltstadt gemacht und die alte Bundesrepublik als junges, kosmopolitisch verwandeltes Stück Deutschland unterm olympischen Zeltdach zum Schweben gebracht. Es war – trotz des tragischen Einbruchs durch den Terroranschlag auf das israelische Olympiateam – das erste deutsche Sommermärchen. Das zweite war bekanntlich die Fußball-WM 2006, die in München begann und in Berlin zu Ende ging.

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Das hat nachhaltig gewirkt. Weit über den Sport und jede unmittelbare Kostenrechnung hinaus. Eine Bewerbung Berlins für 2024 setzt allerdings eine Idee voraus. Gar eine Vision. Zwar hat Berlin schon genug Baustellen. Aber weder im Kanzleramt noch im Roten Rathaus kommt man derzeit aus dem Einzelteiligen hinaus und begründet einen übergreifenden Zusammenhang: von Politik, Gesellschaft, Stadt, Land, Welt. Da ist selbst ein Großflughafen eine Nummer zu klein, um jene Geister zu wecken, die Deutschlands größtem Millionendorf im dritten Jahrzehnt nach dem Mauerfall neuen Schwung bringen könnten.

Wer die Botschaft zweier Sommermärchen für ein drittes aufnehmen will, der müsste gerade hier jenes Leichte anstreben, was laut Bertolt Brecht so schwer zu machen ist. Spielerische Spiele, überhaupt mehr spielerische Kühnheit (ohne die man nicht zum Mond oder Mars fliegt und im Sport nichts gewinnt). Grazie statt Krampf. Das geht auch ohne den Hightech-Imponier-Triumphalismus der Feiern von Peking 2008 und London.

Präsentiert hat sich London mit der anglobalen Multikulturalität eines ehemaligen Empires. Britain great. Für Berlin könnte jenseits des nationalen Prestigedenkens, das eher antideutsche Gefühle weckt, die Idee einer kontinental-europäischen Metropole wirksam sein: in der in vielen Sprachen und Richtungen gesprochen und gedacht wird. In Berlin wurde zuerst die Ost-West-Teilung der Welt überwunden. Gäbe es ein Projekt, das aus der Mitte Europas spielerisch kulturell in die Welt leuchtet, wäre das nicht allein für Berlin und Deutschland ein Gewinn. Sogar bei ziemlich hohen Kosten.

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