Meinung : Berliner Brücke nach Spanien

Von Roger Boyes, The Times

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Es liegt in der Natur jedes guten Urlaubs, dass man am Ende bleiben möchte. So sucht man – halb ernsthaft, halb im Scherz – nach Häusern in der Toskana, in Triest oder in Barcelona. Und man nimmt eine einfache Rechnung vor. Was kann man für 60 000 Euro in Berlin kaufen? Nicht mal eine Einzimmerwohnung in Wedding. Aber hier (ich schreibe gerade auf einem Gartentisch inmitten eines Orangenhains im Süden Spaniens), in der außerordentlichen, sonnenbeschienenen Schönheit, können 60 000 Euro dein Leben ändern.

So gingen wir die lokalen Annoncen durch und fanden ein Bauernhaus mit drei Schlafzimmern, Wasser, Strom und 320 Olivenbäumen für 58 000 Euro, irgendwo zwischen Granada und Sevilla. Wenn man seine Nachbarn die Oliven und Avokados ernten lässt, geben sie einem gepresstes Olivenöl im Wert von 6000 Euro im Jahr dafür. Wenn man dazu noch über Internet verfügt, macht es überhaupt keinen Unterschied, wo man seine langen, gewundenen Artikel über die Zukunft Europas schreibt. Tatsächlich scheint Granada, wo 250 Jahre lang Muslime herrschten, der ideale Ort zu sein, um über den Kontinent zu schreiben.

Im vergangenen Jahr haben sich diese Fantasien rarer gemacht. Der Drang nach Berlin ist stärker geworden als die Sehnsucht, es zu verlassen. Und das war nicht die Schuld der Ratten, die über das zerbrechliche Dach des Bauernhauses liefen. Der Grund war ein Besuch bei einem Haus in der Umgebung. Auf dem Boden lag eine Ausgabe der „Morgenpost“, von der Sonne gebleicht. Sie stammte aus dem Jahr 1993, das letzte Jahr, in dem irgendjemand, den ich kenne, die „MoPo“ las. Wie üblich in Berlin verdeckten Ziegenkötel das interessanteste Thema des Blattes. Aber ich konnte die Worte entziffern: Weidendammer Brücke. Meine Lieblingsbrücke! Erinnern Sie sich an Wolf Biermanns preußischen Ikarus – den eisernen Adler auf der Brücke? Ein alter Soldat hat mir einmal über die hunderte von Leichen erzählt, die sich dort während der letzten Kämpfe des Krieges aufstapelten, während das Blut in die Spree tropfte.

Mein Proust’scher Moment kam in jenem stinkenden, verlassenen Häuschen, als ich mich an Kästners Pünktchen und Anton erinnerte. Pünktchen lebte auf der reichen Seite der Brücke, der Lindenseite, aber sie entwischte ihrem bösen Kindermädchen, um für ihren armen Freund Anton auf der Weidendammer Brücke Streichhölzer zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, lebten Anton und seine allein erziehende Mutter in der Artilleriestraße – heute Tucholsky. Wo man unter sich die S-Bahn brüllen hört wie einen Käfig hungriger Löwen.

Die Brücke ist keine Grenze mehr zwischen dem armen und dem reichen Berlin, aber es gibt Dutzende neue Armutsgrenzen – eines Tages würde ich gerne über sie schreiben, die geheimen Verwerfungslinien der Stadt. Wir sind mit Berlin wie mit einer Nabelschnur verbunden. Letzte Woche, auf den sonnenüberfluteten Pfaden der Sierra Nevada, war es plötzlich unmöglich, der hässlichen, komplizierten Stadt an der Spree zu entkommen. Dort, wo die wirklichen Probleme des Lebens warteten. Ein Berliner zu sein (selbst ein angenommener), bedeutet, ein Gefangener der Gefühle zu sein. Man bekommt die Erlaubnis, sich für einen Tagesausflug aus dem Gefängnis zu begeben, die Erlaubnis zu fantasieren. Aber am Ende muss man zurückkehren.

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