Berliner Ekel-Lokale : Dinner Digital

Das Internet ist unschuldig an Ekelrestaurants: Wer verfaultes Fleisch an Gäste verfüttert oder Zapfhähne verschimmeln lässt, der sollte froh sein, dass die Leute nicht vor Ekel und Ärger den Laden verwüsten – oder das Amt den Schuppen nicht sofort schließt.

Lorenz Maroldt

Berlin ist immer für eine Überraschung gut. Eigentlich wollte das Bezirksamt Pankow auf seiner Onlineseite nur darauf hinweisen, welche Betreiber von Restaurants, Kneipen, Imbissbuden, Bäckereien und Gemüseläden gegen die Hygienevorschriften verstoßen. Eine bemerkenswerte Idee, gerade in Berlin: Ämter und Behörden, die Bürger nicht drangsalieren, sondern informieren, sind eher selten.

Aber es werden mehr, mit den Möglichkeiten des Internets wächst die Zahl der leicht zu vermittelnden Informationen. Qualitätsdaten von Krankenhäusern sind ebenso verfügbar wie Bewertungen von Restaurants durch Gäste. In New York, der Stadt, mit der sich Berlin gerne vergleicht, werden Lokale auch amtlich nach Hygienekriterien klassifiziert. Warum also nicht auch in Berlin?

Doch manche Reaktion auf das Pankower Projekt klingt so, als sei der Bezirk mit modernen Mitteln auf dem Weg ins Mittelalter: Vom Internetpranger ist die Rede. Der Gaststättenverband spricht von Wettbewerbsverzerrung und droht mit Klagen; Wirtschaftspolitiker sehen Existenzen gefährdet; andere Bedenkenträger sprechen von Verunsicherung der Gäste wegen vermeintlicher Lücken im Kontrollsystem. Den Kritikern ist eins gemein: Sie ignorieren die Fakten, so wie viele Betriebe die Vorschriften ignorieren. Ihre Argumente sind schal wie das Bier in etlichen Buden und schimmelig wie die Pilze auf mancher Pizza.

Die Betriebe sind mit der Veröffentlichung ihrer Verfehlungen noch gut bedient. Wer verfaultes Fleisch an Gäste verfüttert, Hähnchen auf dem Boden auftaut, vergammeltes Gemüse in den Salat mixt, Zapfhähne verschimmeln lässt, Kuchen erst seinen Hausfliegen und dann den Kunden zum Fraß vorsetzt, Spinnen über belegte Brötchen und Mäuse über Spinat krabbeln lässt, Saftgepansche als hundertprozentig und Billigbier als Premium verkauft, der sollte froh sein, dass die Leute nicht vor Ekel und Ärger den Laden verwüsten – oder das Amt den Schuppen nicht sofort schließt. Bei sehr groben Verstößen geschieht auch das.

Einige Betriebe haben die Prüfer innerhalb weniger Monate drei Mal kontrolliert – und bei jedem Mal Schimmel oder Schmutz gefunden. In jedem dritten kontrollierten Laden des Bezirks ist etwas nicht in Ordnung. Brötchen liegen auf dreckigen Böden, Gemüse fault dahin. Wer da wegen der Veröffentlichung solcher Zustände von einer Verzerrung des Wettbewerbs spricht, betrachtet offenbar den Gammel für einen selbstverständlichen Teil seines Geschäftsmodells. Wer aber so serviert, bedroht seine geschäftliche Existenz ganz allein.

Zwölf Lebensmittelkontrolleure sind im Bezirk zuständig für 7000 Betriebe. Das klingt nicht viel, aber es reicht, um jeden Betrieb mindestens so oft zu checken wie der Tüv jedes Auto, und das auch noch unangekündigt. Lücken im System ergeben sich aus der Besetzung jedenfalls nicht. Stattdessen dürfte bereits die Aussicht auf einen Eintrag im Netz die eine oder andere Küche putzen helfen. Rechtlich ist die Nennung von Betrieben im Internet, die gegen die Hygienevorschriften verstoßen, ohnehin durch das Verbraucherinformationsgesetz geklärt.

Alle vier Wochen gibt der Bezirk eine neue Liste heraus. Sind die Mängel beseitigt, wird der Betrieb dort nicht mehr genannt. Die virtuellen Narben, die im Internet immer entstehen, lassen sich zudem amtlich überschminken, wenn der Laden fortan gut geführt wird: mit dem Eintrag auf der Positivliste und einem Smiley am Fenster. Das Internet ist jedenfalls unschuldig an Ekelrestaurants.

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