Meinung : Berliner Festspiele: Die Spitze ist die Chance

Nun gehört das endgültig ins Reich der komischen, rührenden Festtagsmythen: dass ein Berliner Kultursenator das wichtigste deutschsprachige Schauspielfestival mit dem Wunsch "Vivo il teatro!" eröffnet. Dieser Satz mindestens hat Peter Radunski einen Hauch Unsterblichkeit verliehen - auch wenn das Berliner Theatertreffen, dem morgen erstmals ein Bundesstaatsminister für Kultur seinen Segen geben wird, zuletzt fast gestorben wäre. Ja, diese Schau der zehn besten Inszenierungen zwischen Berlin und Wien, zwischen Hamburg und Zürich hielten Theaterleute (die nicht eingeladen wurden) und Kritiker (die nicht in der Jury saßen) gerne wechselweise für selbstherrlich oder mutlos, für anbiedernd naiv oder hirnrissig abstoßend. Und ein Treffen in Berlin, nachdem die Grenzen sich auch ästhetisch in allen Sparten der darstellenden Künste geöffnet hätten, war für sie ein Relikt der Vergangenheit.

Tatsächlich ist es ein Sieg des Publikums über den Spezialistenstreit. Denn zum Theatertreffen strömen sie alle, Laien und Profis, und ohne diesen auch seit der Wende und einer Hochblüte der Theaterkrisendebatte nie versiegten Publikumszuspruch hätte das Festival in diesem Jahr den Wechsel seiner Oberhoheit nicht überlebt.

Fast scheint es eine Pointe zu sein: Die Berliner Festspiele als Veranstalter des Theatertreffens, der Film-Berlinale, des Jazzfestes und der Festwochen im Herbst sind nun in die Trägerschaft des Bundes übergegangen, sie haben eine neue Leitung, ein neues altes "Festspielhaus", die wiedergewonnene Freie Volksbühne. Und wenn der neue Intendant Joachim Sartorius in diesem Mai jetzt Glück und ein Mal keine Sorgen hat, dann verdankt er es dem oftmals totgesagten, nunmehr 38. Theatertreffen. Denn es war ein gutes Jahr und eine gute Auswahl, mit brillantem Regie- und Schauspielertheater. Vor allem die Wiener Inszenierungen von Peter Zadek und Luc Bondy sind schon jetzt Magneten.

Dieser Gipfel ist ein Geschenk. Die Mühen der Ebene stehen dem Team Sartorius erst bevor. Die Berliner Festspiele treten als Institution des Bundes und somit als Solitär in der bereits von zehntausenderlei Festivals heimgesuchten Weltkulturlandschaft (von Rio bis Rosenheim) mit einem herausragenden Anspruch auf. Und nun wollen sie ihr eigenes Festspielhaus an etwa 200 Abenden im Jahr mit Tanz, Theater und prominenten internationbalen Gastspielen füllen. Doch haben sie - inklusive Film- und Musikfestspiele sowie Großausstellungen im Gropius-Bau - mit 25 Millionen Mark nur die Jahressubvention eines Stadttheaters der Mittelklasse: nicht die Hälfte der Salzburger oder Wiener Festspiele. Sartorius und Staatsminister Nida-Rümelin haben dieses Dilemma bisher nur bedauernd benannt. Ulrich Eckhardt, der Sartorius-Vorgänger, besorgte sich Zugaben oft genug aus dem Berliner Lotto-Topf, aber dieser Schattenhaushalt existiert nicht mehr in dieser Bundes-Ehe.

Geld ist vieles - doch alles ist wenig ohne ein Programm. Noch ist Sartorius auf der Suche. Was der neue Intendant und seine Mitarbeiter angekündigt haben, klingt bisher jedenfalls weder neu noch originell: Berlin als "Ort für den Dialog", vor allem mit den östlichen Nachbarn, das war schon unter Eckhardt selbstverständliche Praxis. Zudem möchte man jetzt, so Sartorius, "Spurenleser gegenwärtiger Vergangenheiten und Entdecker zukünftiger Gegenwarten" sein. Neben solch Allerweltläufigem, das hier auch in den Formeln "experimentell, interdisziplinär, innovativ" mitspukt, wäre es vielleicht sinnvoller zu bedenken: Der immerzu geforderte Dialog, das meist nur halbkünstlerischeGemurmel oder "Event"-Geschrei erfüllt eine Großstadt wie Berlin ohnehin andauernd auf sämtlichen Podien und Bühnen. Wie aber könnte man dieser "interdisziplinären" Breite wieder die Spitze der besonderen künstlerischen Behauptung entgegensetzen? Den internationalen, repräsentativen Durchschnitt gibt es längst im alltäglichen Angebot.

Das Fest der Festspiele also wäre das Außergewöhnliche: die Verdichtung, die Konzentration auf das Unverwechselbare, im Zusammenspiel mit Künste und Kosten vereinenden Partnern in Berlin und in der Welt. Im Zeitalter der Festivalitis bringt nur Klasse auch Masse.

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