Meinung : Berliner Körperwelten

Roger Boyes

Ich habe selten so viel Freundlichkeit in Berlin erlebt wie letzte Woche. „Hi, wie geht’s dir – bist du neu hier?“, „Schön ein neues Gesicht zu sehen.“ Draußen auf dem Adenauerplatz waren es 12 Grad, im Inneren des Fitnesscenters war es Kalifornien.

Später wurde ich von meinen Kollegen aufgezogen: Ich war in einen der bekanntesten Treffpunkte für Homosexuelle hineingeraten. Nun, in Berlin ist man auf eine sentimentale Art dankbar für jede kleine Geste. Ein netter Leser schickte mir gerade eine Tagesspiegel-Kolumne aus den 80ern. Der große N. Wendevogel fährt in der U-Bahn Richtung Ruhleben; ein gegenübersitzender Mann lächelt. Die anderen Passagiere bringen sich in Sicherheit, aber Wendevogel beschließt, das Lächeln zurückzugeben. Der Fremde beugt sich herüber und sagt: Hier isset doch viel schöner als inner Nervenklinik, wah?

Ich habe dann jedenfalls beschlossen, dass es sicherer ist, meinen Hometrainer im Keller zu benutzen. Es ist sicherlich angebracht, vor der weihnachtlichen Fress-Saison Gewicht zu verlieren. Die Dinge sind schon so weit außer Kontrolle geraten, dass ein Freund mich bat, Nikolaus für seine Kinder zu spielen – ein Job, der normalerweise traurigen, fetten und finanziell abgebrannten Architekturstudenten vorbehalten ist.

Die Körperfrage tauchte erneut auf, als mich jemand für eine Magazin-Umfrage darauf ansprach, ob ich bereit sei, meinen Leichnam von Gunther von Hagens aufschneiden zu lassen. Hagens rief einen Eklat hervor, weil er in London öffentlich sezierte und das auch in Deutschland tun will. Offen gestanden würde ich mich lieber von Kannibalen verspeisen lassen, als unter das Messer von Dr. von Hagens zu fallen. Lasst ihn doch den Leichnam der PDS aufschlitzen.

Aber ich begann darüber nachzudenken, welchen Platz mein Körper in meinem Leben einnehmen soll. Die Autorin Nancy Mitford schrieb in einem Briefwechsel mit Evelyn Waugh, dass sie sich die Wiederauferstehung vorstelle, wie wenn man „einen Wagen nach einer Saufparty wiederfindet“. Waugh war davon nicht angetan und antwortete, „der Körper ist nicht nur eine Quelle von Empfindung, Versuchung, Schmerz und Verfall. Das sind wir.“

Das scheint mir näher an der Wahrheit zu sein. Wir sollten mit unseren Körpern reden, ohne sie zu foltern. Man muss nur Joschka Fischer sehen, wie er am Werderschen Markt entlangläuft mit seinen „Leib“-Wächtern. Ein gewissenhafter Leibwächter würde ihn dazu zwingen, wieder Schokolade zu essen; er sieht ja aus wie eine Großmutter, die sich von Amphetaminen ernährt. Wohin rennen all diese Minister? Was tun sie sich selbst an? Was tun sie uns an?

Der Autor ist Korrespondent der „Times“. Foto: privat

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