Berliner S-Bahn : Nicht ärgerlich, sondern kriminell

Radreifen, Bremsen, Fälschung von Prüfungsunterlagen - wo ist noch überall gepfuscht worden? Das sind keine Kavaliersdelikte, sondern Verbrechen. So sollte die Justiz die Vorgänge auch behandeln.

Gerd Appenzeller

Risse in den Radreifen, defekte Bremsen, systematische Fälschung von technischen Prüfunterlagen und jetzt wohl auch noch Defekte in den Drehgestellen, die die Räder der S-Bahn-Wagen fixieren sollten. Wo ist denn noch überall geschlampt, vertuscht und manipuliert worden, fragen sich die Berliner, und Zyniker würden hinzufügen: Welch Glück, dass diese Manager „nur“ eine Bahn, und nicht eine Fluggesellschaft zu führen hatten. Aber fehlerhafte Radsätze haben in Eschede zu einem grauenhaften ICE-Unglück geführt. Wegen fehlerhafter Radachsen entgleiste in Köln ein Zug. Dass dieses Unglück nicht ebenfalls furchtbar endete, lag nur an der reduzierten Geschwindigkeit bei der Einfahrt in den Bahnhof. Was versagende Bremsen bei einer mit Tempo 100 fahrenden Stadtbahn bedeuten, kann sich jeder selbst ausrechnen. Und ob die Risse in den Drehgestellen wirklich harmlos sind?

Man muss dies in aller Deutlichkeit beschreiben, damit endlich klar wird: Hier geht es nicht darum, dass Hunderttausende von Berufstätigen jeden Morgen erneut mit einem Verkehrschaos konfrontiert werden. Es geht darum, dass verantwortungslose Manager der S-Bahn die Gefährdung von Menschenleben offenbar entweder kaltschnäuzig in Kauf nahmen oder bestenfalls an dieses Risiko gar nicht dachten. Was auch immer zutrifft, die Triebfeder dieses unerhörten Geschehens ist klar erkennbar: Gier war es, Skrupellosigkeit, um die Rendite des Unternehmens S-Bahn zu steigern.

Das sind keine Kavaliersdelikte, sondern Verbrechen. So sollte die Justiz die Vorgänge auch behandeln. Die Bürger haben einen Anspruch darauf, zu erfahren, ob nur hier in Berlin von verantwortungslosen Geschäftsführern auf eigene Faust mit dem Leben der Fahrgäste gespielt wurde oder ob das auch in anderen Verkehrssystemen der Bundesrepublik so geschah. Ob also der oberste aller Bahnchefs, der kauzige Herr Mehdorn, Vorgaben machte, gegen die sich örtliche Unternehmensführungen ohne Rückgrat nicht zu wehren wagten, weil sie zu feige waren oder eine Kürzung der Tantiemen fürchteten. Was sagt Hartmut Mehdorn eigentlich selbst dazu?

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