Berliner Schulqualität : Zwischen Not und Noten

Gerade weil die Umsetzung des Qualitätspakets nicht vornehmlich eine Frage der Finanzen ist, eröffnet sich die Chance einer wirklichen Debatte. Dennoch gilt: Qualität kostet auch künftig Geld.

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Ob Zöllners Qualitätspaket an den richtigen Stellschrauben dreht, muss sich erst noch zeigen.
Ob Zöllners Qualitätspaket an den richtigen Stellschrauben dreht, muss sich erst noch zeigen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Erziehung ist keine Maschine, an der nur ein paar Stellschrauben gedreht werden müssen, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Schule ist ein sozialer Raum, mit sehr ungleichen Bedingungen und Startchancen. Eltern wissen das, Lehrer auch. Man muss es betonen, weil schleichend die fixe Idee von der technischen Machbarkeit einzieht, mit möglichst messbaren Größen und klaren Kategorien. Kann der Berliner nicht auch erwarten, dass seine Steuern mit größtmöglicher Effizienz eingesetzt werden? Zweifel sind ja durchaus berechtigt, ob das Schulsystem in Berlin funktioniert. Immerhin gibt Berlin unter allen Bundesländern zwar pro Kind am meisten aus, landet aber bei den Vergleichsarbeiten regelmäßig auf den letzten Plätzen. 

An dieser Erwartung muss sich das Qualitätspaket messen lassen, das der letzthin viel gescholtene Bildungssenator Jürgen Zöllner geschnürt hat. Vieles wirkt schon wie das Vermächtnis eines Ressortchefs, der am Ende einer Wahlperiode mit ungewissen Fortsetzungschancen noch einmal alle Schwachpunkte und Wünsche auflistet: Schulleiter sollen stärker nach klaren Anforderungskriterien berufen werden, Schüler Lehrer regelmäßig bewerten, Eltern Bußgelder zahlen, deren Kinder nicht in der Kita Deutsch lernen oder die Schule schwänzen. Bisher hat Zöllner mit immer neuen Reformen wenig mehr erreicht als zunehmenden Druck auf die Kinder, wachsende Empörung bei den Eltern und Überforderung und Verunsicherung der Lehrer – von der Klassenlotterie bei den Oberschulplätzen bis zum jahrgangsübergreifenden Lernen in der Grundschule. Trotz aller Reformen aber bestimmen fehlende Lehrer, verrottete Gebäude und Unterrichtsausfall vielerorts den schulischen Alltag.

Transparenz, Kontrolle und eine Kultur der Anerkennung verspricht Zöllner. Mündige Eltern, die für ihr Kind das Beste wollen, haben ein Anrecht auf so viel Information wie möglich und so viel Kontrolle wie nötig. Es ist deshalb gut, dass künftig die Ergebnisse der Abiturprüfung und des Mittleren Schulabschlusses wie auch die Schulinspektionsberichte veröffentlicht werden. Schulleiter werden sich daran messen lassen müssen und gezwungen sein, auf Schwächen zu reagieren. Richtig ist aber, dass Zöllner darauf verzichtet, die Ergebnisse der Vera-Vergleichsarbeiten zu veröffentlichen, die Drittklässler in der kommenden Woche schreiben. Hier befeuert Transparenz nur ein irreführendes Ranking, weil die Ergebnisse den Lehrern zeigen sollen, wo sie stehen, also work in progress messen. Es kann pädagogisch nicht richtig sein, schon Drittklässler auf Noten zuzurichten: Nicht den Schülern soll Druck gemacht, sondern die Leistung der Schulen getestet werden. Und nicht alles, was gemessen wird, ist auch vergleichbar. Schulen in sozialen Brennpunkten werden immer schlechter abschneiden als Grundschulklassen in Bezirken, in denen Eltern ihre Kinder optimal fördern können.

Gerade weil die Umsetzung des Qualitätspakets nicht vornehmlich eine Frage der Finanzen ist, eröffnet sich die Chance einer wirklichen Debatte. Schule muss für alle Bereiche der Gesellschaft funktionieren – sowohl bei bildungsfernen Eltern, die Schule für eine Servicestation halten, in der sie ihre Kinder abgeben, wie auch bei ehrgeizigen Eltern, die Schule als hochleistungsorientierten Karrierebooster für ihren Nachwuchs sehen. Wer aber erreichen will, dass jedes Kind individuell gefördert wird, muss dafür sorgen, dass die Schulen genügend Lehrer haben. Qualität kostet Geld. Um diese Erkenntnis kann sich der Senat nicht herummogeln.

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