Berliner Schulsystem : Zu Lasten der Kinder

25, 30 Prozent oder 50 Prozent? Die rot-rote Koalition in Berlin streitet über die Losquote. Dabei droht die Schulreform an ganz anderen Dingen zu scheitern. Gerd Nowakowski findet, dass Berlins Schulen mehr Geld und weniger Ideologie nötig hätten.

Gerd Nowakowski

Es geht um das Beste für unsere Kinder. Das muss man der rot-roten Koalition immer wieder sagen, wenn sie mit faulen Kompromissen die Bündnisstatik austariert. Nun also soll die Losquote für Gymnasien nicht 50 (Linke) oder 25 Prozent (SPD), sondern eben 40 Prozent betragen – minus zehn Prozent für Härtefälle: macht also 30 Prozent. Für jeden etwas; das ist echte Macht-Mathematik. Der Lotto-Faktor ist dennoch gerade noch akzeptabel. Gefragte Gymnasien müssen künftig ein paar Kinder mehr per Los aufnehmen als jetzt schon ohne Grundschulempfehlung kommen. Der Elternwille aber bleibt berücksichtigt und Schulen können begabte Kinder für ihr spezielles Profil auswählen.

Im Streit um die Losquote ist fast untergegangen, dass dies nur ein kleiner, freilich nicht unwichtiger Aspekt ist. Das Ziel ist größer: Es geht um ein komplett neues Schulsystem für Berlin. Ab 2010 soll die Hauptschule verschwinden und neben den Gymnasien nur noch die neue Sekundarschule existieren. Statt der pädagogischen Resterampe Hauptschule könnte Berlin Kindern die Chance bieten, auf jedem Bildungsweg zum Abitur zu kommen: jeder nach seiner Fähigkeit, jeder nach seiner Geschwindigkeit – und vor allem sozial durchlässiger. Spätstarter kommen auf der Sekundarschule in 13 Jahren zum Abitur, die auf dem Gymnasium nach zwölf. Wenn dies gelänge, wäre Berlin tatsächlich, wie Bildungssenator Zöllner sagt, Vorreiter in Deutschland. Das Modell kann aber nur funktionieren, wenn die Sekundarschulen für den Förderbedarf mit den nötigen personellen und finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Das nämlich ist die Berliner Krankheit: Viele Reformen diskreditieren sich, weil es an der Umsetzung hapert. Ohne die nötigen Mittel müssen gute Ideen wie etwa das jahrgangsübergreifende Lernen scheitern.

Nur dann muss niemand – wie etwa Grüne und Linke – befürchten, die Sekundarschule werde zur minderwertigen, zweiten Wahl, wenn Schüler nach nicht bestandenem Probejahr vom Gymnasium abgehen müssen. Dagegen steht die einheitliche Leistungsmessung durch das Zentralabitur. Das Probejahr ist der Preis dafür, dass weiter der Elternwille entscheidet. Wer sein Kind auf das Gymnasium schicken will, kann das tun – und ein Probejahr gibt den Kindern mehr Zeit, sich zu beweisen. Unsinn ist dagegen das Argument, nur mit einer hohen Losquote und dem Verzicht auf eine Probezeit könne man Bildungserfolg von der sozialen Herkunft trennen. Kaputtgemacht wird damit nur die Leistungsfähigkeit der Gymnasien – und die Sekundarschule schlechtgeredet. Das ist Gleichmacherei zulasten der Kinder: der am Gymnasium überforderten ebenso wie jener, die wegen der Losquote ohne Chance sind, nach ihren Talenten beschult zu werden.

Der Widerstand der Linkspartei wird nur erklärlich aus deren Angst, dass ihr Lieblingsprojekt Gemeinschaftsschule untergeht: Das Beste für die Kinder muss deshalb gegen die Ideologie zurückstehen. Dazu aber ist das Ziel zu wichtig – und die Situation an den Schulen zu ernst.

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