Berlins Brandserie : Pflicht und Verbot

Drei Tote und ein Dutzend Verletzte, das ist die erschreckende Bilanz der Brandserie in Berlin. Wo Vernunft nicht hilft, funktionieren am Ende wohl nur Pflicht und Verbot - bei Rauchmeldern und beim Thema Kinderwagen im Hausflur. Ein Kommentar.

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Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage. Ein 29 Jahre alter Zeitungsausträger aus Neukölln hatte gestanden, aus "Schwabenhass" Kinderwagen in Brand gesteckt zu haben.Weitere Bilder anzeigen
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06.01.2012 19:08Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst....

Dumme, gefährliche Jungs? Kinderhasser? Durchgeknallte Extremisten? Ein Psychopath und dessen kaum weniger pathologische Nachahmer? Es ist nicht der Job von Journalisten zu spekulieren, doch als Menschen machen wir uns natürlich Gedanken, wer und was hinter der unheimlichen Brandserie von Berlin stecken könnte. Seit Tagen gehen in Treppenhäusern in Neukölln – aber nicht nur in dem Bezirk – vor allem Kinderwagen in Flammen auf. Drei Tote und ein Dutzend Verletzte, das ist die erschreckende Bilanz der vergangenen zehn Tage.

Die Polizei verstärkt ihre Ermittlergruppe, hat aber derzeit offenbar noch keine Spur von den Tätern. Politiker streiten über Rauchmelder und eine gesetzliche Pflicht, sie anzubringen. Hauseigentümer fordern Richter auf, das baurechtliche Verbot, Kinderwagen und andere Gegenstände in Treppenhäusern abzustellen, auch durchzusetzen. Mietervertreter halten dem entgegen, dass es Eltern nicht zuzumuten sei, schwere Kinderwagen in obere Stockwerke zu tragen. Im Gegenzug bringen sie eine Pflicht ins Gespräch, Mietern einen Abstellraum für Kinderwagen zur Verfügung zu stellen. Wo Vernunft nicht hilft, funktionieren am Ende wohl wirklich nur Pflicht und Verbot. Denn wenn es nicht brennt – oder wenn es zwar brennt, aber niemand in den Flammen umkommt –, dann überbieten sich alle in Gleichgültigkeit. Bis dann wieder jemand stirbt.

Und wir Journalisten? Auch wir müssen uns fragen, ob wir Täter und Trittbrettfahrer mit unserer Berichterstattung womöglich zu neuen Taten anstacheln. Obwohl das so sein könne, dürfe das kein Grund sein, Brände zu verschweigen, sagt der Ermittler und Autor Frank Dieter Stolt. Es müsse sogar mehr über die extremen Gefahren bei Bränden berichtet werden, fordert er. Den meisten Tätern sei nämlich nicht bewusst, was sie anrichten können.

Heinrich von Kleist, der mit seinen „Berliner Abendblättern“ den hiesigen Lokaljournalismus erfand und dabei vor allem Meldungen über Brandstiftungen druckte, liefert weitere Gründe: Je mehr Fakten er veröffentliche, desto weniger Gerüchte ängstigten die Bürger. Außerdem ermuntere Berichterstattung die guten Leute von Berlin zur Aufmerksamkeit und zur Zusammenarbeit mit der Polizei. Auch das ist eigentlich nicht der Job von Journalisten – aber ein Nebeneffekt, gegen den wir nichts haben.

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