Berlins Gymnasien : Die ganze Stadt im Blick

Wie geht man mit einer Schulform um, die man am liebsten abschaffen würde, aber aus machttaktischen Gründen nicht abschaffen kann? Vor dieser Frage steht die rot-rote Koalition in Berlin, wenn sie den Zugang zum Gymnasium neu regelt.

Susanne Vieth-Entus

Die Hürden sollen höher gelegt werden als bisher, damit ungeeignete Schüler nicht mehr angenommen werden müssen. Im Gegenzug soll es den Gymnasien untersagt werden, Schüler im Laufe der Jahre hinauszuwerfen. Schon wittern einige Direktoren die Chance, dass Berlins Gymnasien so fein und so gut wie die bayerischen werden könnten. Endlich!

Im Senat hat der Abwägungsprozess längst begonnen. Wie hoch, so fragt man sich, darf ein Numerus Clausus sein, ohne dass man die Eltern massenweise gegen sich aufbringt? Und wie hoch muss er sein, damit die neuen Sekundarschulen noch genügend Schüler aus dem guten Mittelfeld abbekommen? Rot-Rot hat sich mit dieser Fragestellung in eine paradoxe Situation gebracht. Einerseits will die Koalition die Sekundarschule stärken, andererseits würde ein zu strenger Gymnasialzugang bewirken, dass dort die bildungsnahen Bürgerkinder unter sich blieben.

Vergangene Woche hat Bildungssenator Jürgen Zöllner eine Tagung zu dem Thema einberufen. Er hat Wissenschaftler gehört und Schulleiter, und alle haben richtige Dinge gesagt. Aus ihrer Sicht. Zöllner aber muss die ganze Stadt im Blick haben, und dann wird er nicht übersehen können, welche Auswirkungen hohe Zugangshürden oder gar ein strenger Numerus Clausus haben würden. Die sozial abgehängten Innenstadtbereiche verlören rund die Hälfte ihrer Gymnasien; in den bildungsbewussten Familien zöge frühzeitig ein hysterisches Ringen um gute Noten ein, und die Grundschullehrer würden massivem Druck der alarmierten Eltern ausgesetzt. Vor allem aber: Kinder aus bildungsfernen Familien hätten kaum noch Chancen, in ein gymnasiales Lernumfeld zu gelangen.

Besonders dramatische Folgen hätte das für Berlins Migranten und vor allem für die große Gruppe der Türken. Denn sie gehören überwiegend zu eben jenen bildungsfernen Schichten, die kaum etwas beitragen können zum Schulerfolg ihrer Kinder. Wer also die Hürden vor den Gymnasien erhöht, hält ausgerechnet diejenigen draußen, die mangels familiärer Unterstützung auf die Durchlässigkeit des Bildungssystems angewiesen sind.

Ja, Berlin hat etliche Gymnasien auf Realschulniveau, von denen sich Bildungsbürger mit Grausen abwenden – derbe Gymnasien, die sich auf ihre spezielle Klientel eingestellt haben und ihre Ansprüche senken mussten. Aber Berlin hat auch Gymnasien, die selbst Münchens Eliten gefallen würden. Schulen, in denen Altgriechisch noch so emsig gepaukt wird wie vor hundert Jahren; in denen mehrere gute Orchester existieren; Gymnasien, die Jahr für Jahr Abiturienten mit der magischen 1,0 entlassen. Berlin hat Gymnasiasten, die nachmittags Universitätsseminare absolvieren und mathematische Glanzleistungen vollbringen.

Der Senat wäre gut beraten, diese gymnasiale Vielfalt zu bewahren. Was nicht heißt, dass der Zugang so frei bleiben muss, wie er ist. Gymnasialleiter brauchen eine Handhabe, um diejenigen abweisen zu können, die offenkundig nicht geeignet sind. Wenn sie künftig keine schwachen Schüler mehr abgeben dürfen, sollen sie selbst entscheiden können, wen sie aufnehmen – und dazu klare Kriterien formulieren. Und die können in Wedding anders sein als in Wilmersdorf.

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