Berlins Museumsstreit : Endlich kann das Kulturforum vollendet werden

Berlins neuer Museumsstreit kann das Kulturforum endlich vollenden. Wenn neben der Neuen Nationalgalerie ein Museum für Werke der Moderne entstehen würde, wäre eine städtebauliche Brache beseitigt.

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Das 20. Jahrhundert braucht Platz. Die Neue Nationalgalerie – mit Barnett Newmans „Broken Obelisk“ – ist viel zu klein für die Sammlung und muss renoviert werden.
Das 20. Jahrhundert braucht Platz. Die Neue Nationalgalerie – mit Barnett Newmans „Broken Obelisk“ – ist viel zu klein für die...Foto: picture alliance / dpa

Berlin steht vor einem neuen Museumsstreit, so scheint es – der gewiss mit heißem Herzen geführt wird. Nun kann Berlins Kulturlandschaft eigentlich nichts Besseres passieren. Vor allem wenn es darum geht, dass eine von vielen Berlinern als schmerzende Wunde empfundene Brache im Zentrum endlich verschwände. Eine unkrautige Fläche an der Matthäuskirche, die die Stadt seit vier Jahrzehnten beschäftigt und als Symbol einer städtebaulich fatalen Sackgasse gelten kann.

Eine solche Wunde ist die als Kulturforum bezeichnete Wüstenei zwischen Philharmonie, Neuer Nationalgalerie und Gemäldegalerie. Die Machbarkeitsstudie, die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor einem Jahr in Auftrag gegeben wurde, kommt nun wohl zu dem überraschenden Ergebnis, auf dieser Fläche an der Potsdamer Straße einen Neubau für ein Museum für die Malerei des 20. Jahrhunderts zu errichten und ansonsten die Gemäldegalerie an Ort und Stelle zu belassen.

So überraschend dieses Ergebnis ist, so wenig überrascht es, dass sich nun sofort Widerspruch regt. Es wird ins Feld geführt, dass doch seit 1999 geplant sei, die Alten Meister von der Gemäldegalerie mit anderen Beständen in einem Neubau neben dem Bodemuseum zu vereinigen. Der gewonnene Raum, so die bisherigen Überlegungen, könnte dann von der aus allen Nähten platzenden Neuen Nationalgalerie in Zukunft für die Werke der klassischen Moderne genutzt werden.

So weit dazu. Tatsächlich aber ist die Zeit über diesen Plan hinweggegangen. Man kann sich nämlich nicht nur fragen, ob es fast 25 Jahre nach dem Mauerfall noch eine zwingende Notwendigkeit einer örtlichen Vereinigung der Alten Meister geben kann, die damals so dringlich erschien. Heute sind wir weiter und können das gelassener betrachten, gerade weil die Zeiten andere geworden sind. Die historisch durch Krieg und Mauer entstandene Teilung der Bestände gehört nämlich auch zur Historie der so gepeinigten Stadt, zu der sich Berlin bekennen sollte, statt die Spuren zu tilgen, als sei es der Stadt peinlich. Dieselbe Klage, einst die Staatsbibliotheken Ost und West betreffend, hat sich schließlich auch längst in wohlgefälliger Arbeitsteilung aufgelöst.

Wer wollte ausgerechnet in Berlin, der Stadt der vielen Zentren, glauben machen, dass Alte Meister zwingend räumlich zusammengehören – in einer Weise, die es auch vor Krieg und Teilung so nie gegeben hat. Zumal mit dem Humboldt-Forum als Schloss-Kopie an der Museumsinsel in absehbarer Zeit noch ein weiterer Publikumsmagnet entstehen wird. Hinzu kommt, dass kaum ein Gebäude vorstellbar ist, das die Berliner Alten Meister so opulent gelungen wie intim dezent präsentieren kann wie die Gemäldegalerie. Nicht die überaus gelungene Gemäldegalerie ist das Problem, sondern die ungastlich-garstige Brachfläche vor dem Bau von Hilmer und Sattler, die auf Besucher abschreckend wirkt.

Wer nur die Vereinigung der Kunstbestände in räumlicher Nähe im Sinn hat, der springt zu kurz. Es ist ein dann doch zu formalistisches Argument. Dies war ein gerechtfertigter Impuls der Jahre nach dem Mauerfall, als die Menschen in beiden Stadthälften sich so schwer damit taten, zueinanderzufinden. Heute, wo das wiedervereinte Berlin weltweit mit seiner vielfältigen Kulturlandschaft punktet, ist das zu klein gedacht. Auch der Wert des Kulturforums besteht gerade in seiner Angebotsweite zwischen Kunstgewerbemuseum, philharmonischem Musiktempel und klassischer Moderne. Die Gemäldegalerie dort angesiedelt zu haben, auch wenn dies ursprünglich noch eine Planung aus Mauerzeiten war, ist aktuell eine Referenz an die Stadt der Vielfalt.

Das Gutachten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das die Gemäldegalerie an ihrem Ort belässt, folgt diesem veränderten Stadtgefühl. Aber es leistet noch mehr. Es zerschlägt endlich einen städtebaulichen Knoten. Die fruchtlose Debatte um das Gelände an der Potsdamer Straße hatte nicht nur Berlins früheren Senatsbaudirektor Hans Stimmann jahrelang umgetrieben.

Die Neue Nationalgalerie bekäme mit einem Neubau nicht nur den für ihre immer umfangreicher gewordenen Schätze notwendigen Raum. Zugleich würde die ungepflegte Ödnis unweit des Potsdamer Platzes mit einem solchen Bau endlich so räumlich gegliedert, dass der Ort dem Namen Kulturforum gerecht wird. Beendet würden endlich auch die unfruchtbare Debatte um die jahrzehntelang von Scharoun-Epigonen intensivmedizinisch am Leben erhaltenen Planungen des Meisters und das Entsetzen über die banale Einfalt und Nutzungsleere der Entwürfe, die noch vor einem Jahr in einer Publikation von Hans Stimmann dokumentiert wurde. Der Streit um die Zukunft des Kulturforums ist neu eröffnet – und eine Entscheidung schon längst überfällig.

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