Berlins Schulen : Begabung verpflichtet

In Berlin gibt es nur noch zwei Schularten, die Integrierte Sekundarschule und das Gymnasium. Bei der Umstellung auf die Zweigliedrigkeit wurden Fehler gemacht. Doch entscheidend ist die Frage: Was wird aus dem Gymnasium?

Wolfgang Harnischfeger
Wolfgang Harnischfeger hat knapp zwei Jahrzehnte lang das Beethoven-Gymnasium in Lankwitz geleitet. Er ist Mitglied in der SPD und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In der GEW leitet er die Vereinigung der Berliner Schulleiter. Foto: privat
Wolfgang Harnischfeger hat knapp zwei Jahrzehnte lang das Beethoven-Gymnasium in Lankwitz geleitet. Er ist Mitglied in der SPD und...

In Berlin gibt es nach der Auflösung von Haupt- und Realschule seit achtzehn Monaten nur noch zwei Schularten, die Integrierte Sekundarschule (ISS) und das Gymnasium. Sie sollten nach dem Willen der abgelösten rot-roten Koalition prinzipiell gleichwertig sein, was sich aber von Anfang an als Chimäre erwies. Richtig an dieser Reform war die Idee, beide Schularten so auszustatten, dass sie perspektivisch zum Abitur führen, um der in Deutschland besonders ausgeprägten Korrelation von sozialer Herkunft und Schulabschluss entgegenzuwirken, deren vereinfachte Fassung lautet: Sage mir, was dein Vater verdient, und ich sage dir, welche Schule du besuchst. Dem Gymnasium in dieser Hinsicht das Monopol zu nehmen, war nicht nur aus Gründen sozialer Gerechtigkeit erforderlich, sondern führt langfristig auch zur Mobilisierung von Begabungsreserven, auf die ein technologisch hochentwickeltes Land nicht verzichten kann.

Drei Regelungen erwiesen sich indes als Geburtsfehler: der Notendurchschnitt der Grundschulempfehlung als Hauptzugangskriterium, ein Losverfahren für 30 Prozent aller angemeldeten Kinder bei Übernachfrage und die Verlängerung der Probezeit von sechs auf zwölf Monate am Gymnasium. Zum Halbjahr wurde öffentlich, dass rund tausend Kinder, die sich derzeit in der siebten Klasse des Gymnasiums befinden, wegen zu großer Lernschwierigkeiten voraussichtlich am Ende des Schuljahrs das Gymnasium verlassen müssen. Vermutlich hat das Losverfahren diese Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Zu viele Kinder wurden in ein Rennen geschickt, das sie nicht gewinnen konnten, weil sie vor Aufgaben gestellt wurden, die sie täglich überfordern. Ihr Scheitern wird tausendfach individuell erlebt, ist aber systembedingt, weil sie sich auf einer Schule befinden, die sich nicht auf ihre Bedürfnisse einstellen kann und von ihrer Tradition her nicht will.

Aber unabhängig vom Tagesgeschehen wird deutlich, dass im Zuge der Schulstrukturreform die Identität des Gymnasiums ins Rutschen gekommen ist. Deshalb muss jetzt endlich geklärt und politisch abgesichert werden, worin die Aufgaben des Gymnasiums zukünftig bestehen sollen. Die vor zwei Jahren getroffene politische Entscheidung für die Zweigliedrigkeit schließt eine Bestandsgarantie für das Gymnasium auf viele Jahre ein, was man begrüßen oder bedauern kann, aber aktiv zur Kenntnis nehmen sollte, zumal sich alle Jahre wieder etwa fünfzig Prozent der Eltern und Kinder für diese Schulform entscheiden. Wenn es jedoch zwei Wege durch die Schule gibt, muss die sowieso nicht realistische Idee von der Gleichheit aufgegeben werden, dann müssen sich diese Wege auch unterscheiden (dürfen). Die wichtigste Konsequenz daraus lautet: Solange das Gymnasium als selbstständige Schulform existiert, kann es keine Schule für alle sein, anders hätte es seine Existenzberechtigung verloren.

Als erstes müssen die Modalitäten beim Wechsel auf die Oberschule neu geregelt werden. Der Zugang kann nur über bisher gezeigte Leistungen, die das Begabungsprofil des Kindes abbilden, und das prognostizierte Leistungsvermögen in Gestalt der Förderprognose der Grundschule geregelt werden. Das darf jedoch kein schematischer Vorgang sein. Deshalb wird in vielen Fällen ein Beratungsgespräch zwischen Schule, Eltern und Kind erforderlich sein. Ein mathematisch begabtes Kind darf zum Beispiel nicht wegen einer Drei in Deutsch an der Aufnahme in eine Mathe-Profilklasse scheitern. Zentrale Prüfungen am Ende der sechsten Klasse helfen nicht weiter, sie würden genau diese Passung nicht ermitteln. Das Losverfahren in Berlin für dreißig Prozent aller angemeldeten Schüler ist als Kriterium ungeeignet, weil es sich weder an der Leistung des Kindes noch an seinen Interessen orientiert. Es wurde auch nie als pädagogische Maßnahme deklariert, sondern war als Katalysator einer gesellschaftlichen Durchmischung gedacht. Dabei wurde jedoch planvoll negiert, dass Schule das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist. Dass man eine Gesellschaft vom Überbau her und ohne grundlegende Veränderung der Besitzverhältnisse verändern könne, ist im Übrigen eine naive und gänzlich unmarxistische Annahme.

Das Nebeneinander zweier Schulformen ermöglicht eine sinnvolle Arbeitsteilung, bei der der Fokus der Sekundarschule stärker auf der Mobilisierung von Begabungsreserven und in dualen Angeboten mit mehr Praxisanteilen liegen kann, was sozial kein Problem ist, solange das Abitur an allen angeschlossenen Oberstufen die Studierfähigkeit und damit die Gleichwertigkeit der Abschlüsse einschließt. Aber das Gymnasium wird auch in Zukunft im Vergleich zur Sekundarschule die größere Anzahl an schnell lernenden Schülern haben und sozial weniger belastet sein, wobei es für alle sozialen Schichten offen sein muss. Aus diesem Vorteil erwächst die Verpflichtung, in möglichst allen Bereichen besondere und herausragende Ergebnisse zu erzielen, wozu die Verantwortlichen aber auch stehen sollten.

Das Gymnasium wird in Berlin von knapp der Hälfte eines Jahrgangs besucht, was von vornherein eine Streuung an Begabungen einschließt. Der verbal-abstrakte Lerntypus, der sich allein durch theoretische Durchdringung des Stoffs eine Struktur schafft, prägt zwar immer noch das Außenbild dieses Schultyps, an vielen Gymnasien stellt er jedoch nur noch eine Minderheit dar. Deshalb war es auch für die Gymnasien erforderlich, in den letzten zehn Jahren den Unterricht von der Breitbandbelehrung auf die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten des einzelnen Schülers umzustellen. Die Stichworte dazu lauten: Systematische Schulung der Methodenkompetenz, Einübung von freier Rede und von Präsentationstechniken, Kommunikations- und Teamfähigkeit, eigenverantwortliches und vernetztes Lernen mit unterschiedlichen Ausprägungen, außerdem gezielte Reflexion des Lösungsweges. Anders als früher enthalten die Aufgaben jetzt öfter Problemstellungen, die mehrere Lösungszugänge erlauben, und es wurde eine Fehlerkultur etabliert, bei der der Fehler den Ausgangspunkt für neues Lernen darstellt. Damit einher ging die Umstellung von Lernzielen auf Kompetenzen, von der Konzentration auf das eine richtige Ergebnis hin zu generellen Problemlösungsstrategien.

Das Gymnasium der Zukunft sollte sich stärker als bisher einem differenzierten Leistungsgedanken verpflichtet fühlen, es kann sich, dank des größeren Potenzials seiner Schüler, als Einrichtung mit einem umfassenden Bildungsanspruch verstehen, wobei der Akzent auf beiden Teilen des Wortes liegt, auf Bildung und Anspruch. Dies sollte sich neben den Sprachen und der politischen Bildung auch in einer vertieften technischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung niederschlagen, wobei nicht jede Schule alles anbieten muss.

Das dazugehörige Leistungsverständnis sollte nicht quantitativ, als additives Dreischlüsselmodell mit verschiedenen Anforderungen, verstanden werden, sondern eigene Akzente setzen. Die Kompetenzstufe 5 der Lesefähigkeit aus der Pisastudie 2000 könnte zum Beispiel ein übergreifendes Ziel für das Gymnasium darstellen, und zwar nicht nur wie bisher in der Spitze, sondern auch in der Breite. Danach wird die Fähigkeit angestrebt, komplexe, unvertraute und lange Texte vollständig und detailliert zu verstehen und diese in ein Vorwissen aus verschiedenen Bereichen einzubetten und kritisch zu beurteilen. Weitere Ziele auf diesem Niveau sind: Denk- und Sprachfähigkeit, Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit in komplexen Situationen, Risikoabschätzung und Folgenbeurteilung und Verantwortung für gesamtgesellschaftliche Belange. Solche Vorgaben schlagen sich in der Schule nieder in einem Klima, in dem nicht das neueste IT-Produkt und teure Statussymbole das Ansehen bestimmen, sondern Solidarität, Kreativität und ein erkennbares Streben nach Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, in dem Lernen als Chance begriffen wird. Wer diese Anforderungen nicht erfüllt oder nicht erfüllen will, muss in letzter Konsequenz das Gymnasium verlassen. Das darf jedoch nur die ultima ratio sein, vor allem darf diese Möglichkeit nicht einem Abschieben unbequemer oder unangepasster Schüler Vorschub leisten.

Der Anteil, den das Gymnasium zum Gelingen einer Schulkarriere zu erbringen hat, besteht zunächst einmal in einem fachlich hochwertigen Unterricht, erteilt von motivierten und am Lernerfolg der Kinder interessierten Lehrkräften, und in einem Lernklima, das von Ermutigung, Geduld und auch von Hilfsangeboten bei temporären Schwierigkeiten geprägt ist. Der Weg zurück zur alten Paukschule ist versperrt, wenn auch Gymnasiallehrkräfte sich vorrangig als Anwälte ihrer Schüler verstehen und nicht als Selektionsagenten zur Ermittlung der stressresistentesten und rücksichtslosesten Jungakademiker. Fordern und Fördern stehen nicht im Widerspruch zu den Exzellenzbestrebungen, sie ergänzen sie wirkungsvoll. Man kann das im Sport beobachten: Die Förderung von Spitzenleistungen kommt auch dem Breitensport zugute, sie führt zu neuen Interessenten und hebt das Niveau in allen Bereichen.

Unser Wohlstand und unser Sozialsystem hängen unmittelbar davon ab, dass Deutschland seinen führenden Rang in der Welt auf wirtschaftlichem und technologischem Gebiet erhält und mit entsprechend ausgebildeten Menschen absichert, was nur mit einer gezielten und früh einsetzenden Nachwuchsförderung gelingen kann. Führung hat sich durch Leistung und eine besondere Verantwortungsethik (Hans Jonas) und nicht durch Herkunft oder die Inanspruchnahme von Privilegien zu legitimieren und muss als System prinzipiell allen offenstehen, das ist das französische und angloamerikanische Verständnis von Elite, das sich nicht wie in Deutschland gegen eine historische Pervertierung wehren muss. Und ganz nebenbei: Erfolgreiche staatliche Bemühungen um Exzellenz halten den Zugang für alle zu diesen Einrichtungen offen und machen so die Gründungen von Privatschulen überflüssig, die unweigerlich erfolgen, wenn es keine öffentlichen Angebote gibt.

Das Gymnasium muss sich außerdem verstärkt als Stätte kultureller Pflege verstehen und sich die künstlerische Ausbildung seiner Absolventen unter dem Aspekt einer lebenslangen Sinngebung zu eigen machen. Dieser Anspruch darf auch nicht der Verkürzung der Schulzeit geopfert werden.

Das Gymnasium hat eine besondere soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dies schließt die Verpflichtung ein, sich nicht länger der Aufnahme behinderter Menschen, der sogenannten Inklusion, zu verschließen. Es kann nicht hingenommen werden, dass die Schulform mit den geringsten sozialen Problemen sich dieser Aufgabe nahezu entzieht. Ganz nebenbei wird mit dieser Überlegung nur geltendes Recht umgesetzt, nachdem Deutschland 2009 die entsprechende UN-Konvention völkerrechtlich verbindlich unterschrieben hat.

Wenn Schulen vor dem Anspruch, der hier formuliert wird, zurückschrecken, weil sie bei einer ehrlichen Bestandsaufnahme feststellen müssen, dass sie sehr weit von den spezifischen Gymnasialstandards entfernt sind, sollten sie Überlegungen anstellen, ob es nicht sinnvoller wäre, die besseren Bedingungen der Sekundarschule anzunehmen, vor allem die kleineren Frequenzen und die um ein Jahr längere Oberstufe. Sie würden sich von einem Anspruch befreien, den sie oft nicht einlösen, und damit die Chancen ihrer Schüler vergrößern. Eine gute Sekundarschule mit Oberstufe ist einem Gymnasium vorzuziehen, an dem ein Drittel der Schüler die Probezeit nicht besteht und die Hälfte bis zum Abitur die deutsche Sprache nicht sicher und nuancenreich beherrscht.

Der größte Vorteil der Zweigliedrigkeit in der Berliner Variante besteht darin, dass für alle Schüler der Weg zum höchsten Abschluss tendenziell bis zum Tag der Zeugnisausgabe offengehalten wird, dass Menschen, die mehr Zeit für ihre Entwicklung brauchen, sie jetzt auch bekommen und nicht in früher Kindheit gnadenlos abgewiesen werden. Beide Schulformen müssen gleichwertig sein, jedoch nicht gleichartig, und sie können unterschiedliche Aufgaben und Schwerpunkte haben, um ein passgenaues Angebot für jeden Schüler bereitzuhalten.

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