Berlins Sekundarschulen : Macht sie stark

Um die Gymnasien zu entlasten, müssen die Sekundarschulen gestärkt werden, denn nur dann können sie eine wirkliche Alternative sein. Dazu muss Berlin aber bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen.

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Von wegen Schulfrieden! Die versprochene Pause nach der Reformflut scheint schon vorbei zu sein – ausgerechnet beim sensiblen Thema Gymnasium. Dabei ist das begonnene Halbjahr eh herausfordernd für Eltern, Schüler und Lehrer. Durch das verkürzte Abitur nach zwölf Jahren werden gleich zwei Jahrgänge geprüft. Beim extrem kurzen Schuljahr bedeutet das viel Stress und Unterrichtsausfall. Die Debatte über einen Numerus clausus für Gymnasien verunsichert zusätzlich alle Eltern, die jetzt über die weiterführende Schule für ihr Grundschulkind entscheiden müssen.

Selbstverständlich beunruhigt, dass möglicherweise 1000 Kinder – jedes zehnte des Jahrgangs – am Ende des Schuljahres wegen schwacher Leistung das Gymnasium verlassen sollen. Vorschnell ist aber der Ruf nach Zugangsbeschränkungen. Die Realität ist doch, dass viele der nachgefragten Gymnasien längst einen Soft-NC haben: Sie wählen Schüler nach Notenschnitt, Eignungsgespräch oder festgelegtem Profil aus – auch um gerichtsfeste Kriterien gegen klagende Eltern zu haben. Klare Profile zu entwickeln, steht für alle Gymnasien an.

Es wäre angebracht, den Reformen die notwendige Zeit zu geben, um zu wirken. Im Kern geht es aber erneut um die Frage des Elternwillens. Wem wollte man verwehren, die beste Schule für sein Kind zu wollen? Und es ist positiv, dass dies zunehmend für Migrationsfamilien gilt. Der nach erbittertem Streit festgelegte Lostopf ist aber offenkundig keine Lösung; er ist zu groß und zu beliebig. Lehrer wissen, dass Eltern nicht den objektivsten Blick für die Begabung ihres Kindes haben. Ein NC, der sich allein an den Noten der Grundschule orientiert, wird zudem viele Eltern auf die Barrikaden treiben, solange diese keine vergleichbare Notengebung haben. Dann werden gerade jene Kinder benachteiligt, die es an leistungsstarken Grundschulen schwerer als anderswo haben, eine Eins zu erreichen.

Gymnasien machten es sich aber zu einfach, wenn sie sich auf begabte Schüler konzentrieren und überforderte Kinder nicht fördern, sondern mit dem Versagerstempel an die Sekundarschulen abschieben. Es ist aber vor allem eine Misstrauenserklärung gegen die Güte der neuen Sekundarschulen, dass der Druck auf Gymnasien hoch bleibt. Statt Kinder entgegen der Grundschulempfehlung mit einem Notenschnitt aufs Gymnasium zu schicken, mit dem sie absehbar scheitern, müssen die Sekundarschulen ebenfalls ein Garant für ein Qualitäts-Abitur werden – mit mehr Zeit, in 13 Jahren. Nicht Gymnasien dürfen geschwächt, sondern Sekundarschulen müssen gestärkt werden. Zwingend ist deshalb mehr Auslese in der Grundschule: durch einen – verbindlichen – Vorbereitungsplan für die Eltern, um Kinder gezielt auf die Leistungsanforderung am Gymnasium vorzubereiten, wie es die Grünen vorschlagen.

Natürlich kostet das Geld; auch wenn manche das nicht hören wollen. Bemerkenswert ist die Studie der Bosch-Stiftung über die Konzepte, mit denen New York seit zehn Jahren leistungsschwache Schulen fit macht: New York gibt pro Kind jährlich umgerechnet 14 000 Euro aus, Berlin nur 6600 Euro. Zudem werden Lehrer deutlich besser bezahlt, und Rektoren haben volle Autonomie, auf spezielle Probleme zu reagieren. Ohne zusätzliche Mittel wird es auch in Berlin nicht gehen, nicht in der Sekundarschule, nicht an den Gymnasien. Wer den Mangel bemäntelt, statt ihn zu beheben, verlagert den Konkurrenzkampf um das knappe Gut einer guten Schule nur auf die Eltern. Das ist das Gegenteil von Schulfrieden.

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